Unser Viertel

„Unsere Straße ist wie ein kleines Dorf“

Ausstieg an der U-Bahn Haltestelle „Heinrich-Könn-Straße“, ein paar Schritte an einer stark befahrenen Straße entlang. Kurz innehalten, umgucken. Sofort fällt auf: Auf der linken Seite der Straße ein klassisches Mehrparteienhaus mit vielen Balkonen – eng aneinander gereiht und direkt zur lauten Straße raus. Rechts geht‘s in die Heinrich-Könn-Straße. Auch dort ein Haus direkt an der Straße. Zur Straße hin befindet sich aber das Treppenhaus des Gebäudes. Die Balkone gehen allesamt nach hinten raus.

Links zu sehen: Das klassische Mehrparteienhaus. Rechts geht es in in die Heinrich-Könn-Straße. Das Treppenhaus zur Straße raus ist gut zu erkennen.

„Da sieht man direkt, was unser Viertel ausmacht. Hier ist alles etwas durchdachter“, sagt Maria Icking, die grüne stellvertretende Bezirksbürgermeisterin. Wenn sie unser Viertel sagt, meint die 66-Jährige die Siedlung Heinrich-Könn-Straße in Düsseldorf. Von ihren Bewohnern auch liebevoll „Hei-Kö“ genannt. Die Heinrich-Könn-Straße, die Paul-Pieper-Straße und die Ursula-Trabalski-Straße gehören auch dazu. 1994 sind die ersten Menschen eingezogen, vorher befanden sich auf dem Gebiet Ackerflächen, Kleingärten und die Gärtnerei des Landeskrankenhauses. Um die 2500 Personen leben im Viertel. Eine bunte Mischung: Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund ist überdurchschnittlich hoch. Genauso wie die Zahl der Kinder und Jugendlichen und die älterer Menschen über 65. Auch die Vermögensverteilung ist sehr unterschiedlich. Etwa 28 Prozent der Wohnungen sind Sozialwohnungen, schicke Villen gibt es auch.

Eine Luftaufnahme des Planungsgebiets aus dem Jahr 1983, entnommen aus einer Infobroschüre.

Ellen Schneiders hat einen Plan

Manche Dinge müssen wachsen, andere müssen geplant werden. Dass es dieses Viertel gibt, ist vor allem einer mutigen Frau zu verdanken: Ellen Schneiders. Die 76-Jährige lebt im ehemaligen Kohlhaus der Landesklinik. Ein moderner Bau. Großzügig, hell, mit Wintergarten. An die alte Funktion des Hauses erinnert hier nur noch ein eingerahmtes schwarz-weiß Foto im Wohnzimmer: Ein simpler, unverputzter Ziegelbau, düsterer Eingang, zerschlagene Fenster, davor etwas Gestrüpp. Schneiders war damals Sachgebietsleiterin im Stadtplanungsamt. Es gab freies Land, die Klinik hatte dafür keine Verwendung mehr. Neuer Wohnraum sollte entstehen, Schneiders bekam den Auftrag. „Die Gestaltung eines solchen Gebiets ist außerordentlich wichtig“, erzählt sie und obwohl längst im Ruhestand, ist ihre Leidenschaft für ihren Beruf in jedem Satz zu hören. „Man darf sich dabei nicht einschüchtern lassen. Man braucht eine Vision, Mut und Verbündete.“

Das „Kohlhaus“ der ehemaligen Gärtnerei der Rheinischen Landesklinik. Eigentlich war es für den Abriss bestimmt – heute wohnt dort Ellen Schneiders.

Und eine Vision hat Schneiders – damals wie heute. Sie will soziale Durchmischung, ein Stück Stadt mit funktionierender Nachbarschaft. In Hannover besucht sie Mitte der 80er Jahre eine ökologische Siedlung mit Wohngruppen. Davon inspiriert, entwickelt sie eine Planungsgrundlage. „In den Beschlüssen der Planungsgrundlage steht die Utopie drin“, sagt sie heute. Schneiders schlägt vor, in dem Gebiet eine solche Siedlung zu etablieren. Der Vorschlag scheitert, aber das Thema Wohngruppenprojekte ist damit noch längst nicht vom Tisch. Neuer Vorschlag: In dem Gebiet soll es zu jeweils gleichen Teilen Mietwohnungen, Einfamilienhäuser und Wohngruppen geben. Es soll eine Wohnsiedlung entstehen, die verschiedene Wohnformen miteinschließt und dabei unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse und finanzielle Möglichkeiten der künftigen Bewohner berücksichtigt. Der Planungsausschuss beschließt die Grundlage. Dann muss die Idee durch den Rat. „Die CDU wollte zunächst nur Einfamilienhäuser auf größeren Grundstücken“, erzählt Schneiders. „Grüne und SPD waren offen für gemischte Wohnformen.“ Der Rat der Stadt Düsseldorf stimmt dem Konzept zu.

Zur Erreichung des Zieles waren während der Planungs- und Durchführungsphasen viele Fachleute in den städtischen Ämtern und externe Experten beteiligt, die mit ihrem Fachwissen und viel Engagement das Projekt „Neues Wohnen in Düsseldorf-Gerresheim“ mitgestaltet und gefördert haben. Hier sind stellvertretend auch Joachim Siefert vom damaligen Amt für Wohnungswesen und Ulla Schreiber von der WohnBund-Beratung NRW zu nennen. 

1988 wird ein großer städtebaulicher Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Der Entwurf des Preisträgers bildet die Grundlage für die Entwicklung des Bebauungsplans. Schneiders legt in diesem Plan fest, was nur eben geht. „Selbst die Hecken habe ich vorher festgelegt: Buchenhecken – die sind ökologischer. Und Ziegelmäuerchen.“ Ziegelmäuerchen? Schneiders lacht und trinkt einen Schluck von ihrem Kaffee. „Ein gestalterisches Element, dass der Kommunikation dient. Sie sind so hoch, dass man gut darauf sitzen kann. Man kann klönen, die Einkaufstasche abstellen.“

Zwei Nachbarinnen an der Heinrich-Könn-Straße. Hier sieht man die Mäuerchen, so wie sie sich Ellen Schneiders vorgestellt hat.

Auch Maßnahmen zur sozialen Entwicklung des Viertels werden geplant, beschlossen und über die Kaufverträge durchgesetzt. Das konnte nur gelingen, weil die Stadt Düsseldorf Eigentümerin der Grundstücke war. „Wir wollten die soziale Mischung. Der soziale Mietwohnungsbau sollte deshalb im gesamten Gebiet verteilt werden.“ Besonders wichtig: Äußerlich sollte er sich nicht von den anderen Gebäuden unterscheiden.

Spaziergang durchs Viertel

Spaziergang durchs Viertel, entlang der vielen kleinen roten Ziegelmäuerchen. Autolärm ist kaum zu hören, dafür munteres Vogelgezwitscher: Der größte Teil der Hei-Kö ist als Spielstraße ausgewiesen. Maria Icking bleibt stehen und zeigt auf ein Haus: „Das hier ist sozialer Wohnungsbau. Würde man auf den ersten Blick gar nicht denken, oder?“ Das Haus sieht gut aus. Ziemlich gut sogar. Assoziiert man mit sozialem Wohnungsbau zehnstöckige graue Betonklötze, kalte Betonwände, triste Balkone und nach Urin riechende Aufzüge, ist das hier das komplette Gegenteil. Ein dreistöckiger roter Ziegelbau, davor prächtige Bäume, gepflegte grüne Hecken.

Das ist sozialer Mietwohnungsbau.

Überhaupt fällt auf: Hier ist es grün, so unglaublich grün. Erneuter Halt. Eine große Wiese mit zahlreichen Bäumen. Ein Weg führt an der Seite entlang, eine Holzbank, hinten gibt es Spielgeräte, Kinder toben, Eltern unterhalten sich. „Der Grünzug hier wird von den Bewohnern richtig gut angenommen und ist wichtig fürs Viertel“, sagt Icking. Auch das eine Errungenschaft von Ellen Schneiders. Als das Projekt noch in der Planungsphase war, sollte der Grünstreifen bebaut werden. Schneiders bestand darauf, den Grünzug so zu lassen. Sie erkannte darin schon damals eine für die Kinder dringend benötigte Spielfläche. Ihr wurde das gesamte Projekt entzogen. Ein halbes Jahr später bekam sie es zurück: Inklusive ihres Grünzugs.

Der hartumkämpfte Grünzug.

Maria Icking trifft überall Nachbarn, hallo hier, hallo dort. Ein Nachbar bringt gerade den Müll raus, er wirkt locker, mit seinem weißen Bart und seiner lässigen Art zu sprechen. Er gehört zur Gründergeneration. „Die soziale Mischung ist klasse. Am Anfang gab es ja Bedenken, ob das nicht knallen würde. Aber es klappt“, sagt er und winkt zum Abschied. Eine andere Nachbarin, auch schon lange dabei, ihr österreichischer Akzent ist geblieben: „Unsere Straße ist wie ein kleines Dorf.“

„Mein Haus ist komplett abbaubar“

Es geht zum Haus von Icking. Ein grüner Innenhof. Die Sonne scheint, alles blüht. Rundherum Häuser. Mit Holzfassade und blauen Fensterrahmen: Die Wohngruppe „Holzwurm“. Elf Familien leben hier. Anfang der 90er Jahre haben sie sich zusammengefunden. So wie fünf weitere Wohngruppen im Viertel. Alle haben sie einen eigenen Schwerpunkt, so gibt es zum Beispiel auch eine Seniorenwohngruppe. Was Ickings Wohngruppe verbindet: Der Wunsch nach einer ökologischen Bauweise. „Mein Haus ist komplett abbaubar“, sagt Icking und schmunzelt. Und das alles ohne giftige Rückstände, denn die Häuser bestehen aus Lehm und Holz. „Im Prinzip wie ein altes Fachwerkhaus.“

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Wohngruppe ist im Übrigen nicht gleichbedeutend mit Wohngemeinschaft. Jede der Familien hat ein eigenes kleines Haus. Sehr nah wohnt man dennoch beieinander. Wenn Icking an dem kleinen Tischchen unter dem Apfelbäumchen vor ihrer Haustür sitzt, dann sitzt sie mittendrin, bekommt alles mit. Zum Beispiel den Einzug der neuen Nachbarn. Die alte Nachbarin ist gestorben, ihr Sohn wollte nicht einziehen, aber vermieten. Es gab unzählige Bewerber. Eine Familie mit Zwillingen hat das große Los gezogen. „Durch den engen Kontakt hier bin ich schon so etwas wie die Leihoma der beiden Zwillinge geworden“, erzählt Icking. „Sie sind oft bei mir und helfen mir beim Tomaten gießen.“

Warum Icking in eine Wohngruppe gezogen ist? „Ich wollte nicht nur grün im Kopf sein, sondern das auch wirklich umsetzen.“ Mitglied der Grünen ist sie seit 1993 – ökologische Fragen haben sie schon vorher beschäftigt. Außerdem war ihr der soziale Aspekt wichtig. „Als berufstätige Mutter konnte ich mir eine Infrastruktur schaffen, die das Leben erleichtert.“ Icking war damals nicht die einzige, die diese Infrastruktur schätzte. Am Anfang lebten in der Wohngruppe über 20 Kinder. Es gab eine Kinderessensgruppe, jeden Schultag haben sich die Familien mit dem Kochen abgewechselt.

Das ist die Wohngruppe „Holzwurm“. Die ökologische Holzbaubauweise ist auf dem Foto gut zu erkennen.

Man muss was tun

„Die Chemie muss im Zusammenleben aber schon stimmen. Sonst kann das auch komplett daneben gehen“, sagt Markus Middell. Der 53-Jährige wohnt auch in einer Wohngruppe, den Grashüpfern. Durch Zufall ist er Anfang der 90er auf das Wohnprojekt Heinrich-Könn-Straße gestoßen. Gemeinschaft und Nachbarschaft sind ihm wichtig. Deshalb ist er auch Vorsitzender des Nachbarschaftsvereins Kö-Pi e.V. Seit 2002 ist er schon dabei, am Anfang hat er nur die Internetseite betreut. „Ich finde es wichtig, sich in seinem Wohnumfeld zu engagieren. Wir sind ein gemeinnütziger Verein, organisieren verschiedene Veranstaltungen für‘s Viertel. Ein Highlight ist zum Beispiel unser Straßenfest“, erzählt Middell. Dabei schaut er auf den eigens für den Verein designten Flyer. „Für eine lebendige Nachbarschaft in unserem Viertel. Werden Sie Mitglied!“ steht in großen Lettern auf dem Cover. „Unser Verein hat um die 30 Mitglieder. 10 bis 14 davon sind vielleicht richtig aktiv. Klar, haben wir auch hier Motivationsprobleme für solches Engagement. Da ergeht es uns nicht anders als anderen Vierteln.“

Ob das Hei-Kö-Viertel denn trotzdem ein besonderes sei? „Definitiv“, sagt Middell. „So viele soziale Schichten leben hier zusammen – mitten rein gestreut und zwar mit voller Absicht. Zum Straßenfest kommen sie alle. Beim Letzten haben wir zum Beispiel mit Flüchtlingen gekocht und das Essen dann verkauft.“

Markus Middell im Austausch mit Maria Icking.

Das Viertel ist etwas besonderes

Im Heinrich-Könn-Viertel ist sicher nicht alles perfekt. Die Wohngemeinschaften bilden kleine Subkulturen, auch hier gibt es verwahrloste Spielplätze und der Nachbarschaftsverein klagt immer wieder über Ermüdungserscheinungen, viel Arbeit lastet auf wenigen Schultern. Und doch: Das Viertel ist etwas besonderes. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht und es geschafft, ökonomische Ziele mit gestalterischen, ökologischen und sozialen Idealen zu verbinden. Hier hat jemand gekämpft und ist mutig für die eigenen Ideen eingetreten. Und der Plan scheint aufgegangen zu sein. Die Menschen fühlen sich wohl in ihrem Viertel, wollen gar nicht weg. Frei werdende Wohnungen sind heiß begehrt. Von den Kämpfen in der Anfangsphase werden einige Bewohner möglicherweise kaum etwas wissen und nach dem anstehenden Generationenwechsel mag dieses Wissen ganz verloren gehen. „Man hat das Gefühl, dieses Viertel ist schon viel älter“, sagt Ellen Schneiders. „Es wirkt so, als ob es einfach so gewachsen sei.“ Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man das auch fast glauben.

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