Geschlechtergipfel

„Heiraten ist für Frauen tendenziell gefährlich“

Am 22. September veranstalteten Bündnis 90/Die Grünen NRW den ersten Geschlechtergipfel: „Zusammen Anders“. Das Hauptanliegen: Wie setzen wir gleiche Rechte und Pflichten für alle Geschlechter durch, wie können Wünsche von Frauen und Männern vereinbart werden, welche gesetzlichen Weichenstellungen müssen sich ändern. Zu diesem Anlass kamen über 150 Personen aus Partei, Gesellschaft und Wissenschaft in Köln zusammen.

Die Liste der Diskrepanzen zwischen den Wünschen nach einem selbstbestimmten, gleichberechtigten Leben von Frauen und Männern und den Chancen, diese zu verwirklichen, ist lang. Unzeitgemäße gesetzliche Rahmenbedingungen und antiquierte Rollenstereotype, all das sind Probleme, mit denen die moderne Emanzipationsbewegung immer noch zu kämpfen hat. Ziel der Veranstaltung sollte eine neue Kooperation über Geschlechtergrenzen hinweg sein, zusammen für mehr Gleichberechtigung.

Keynote – „Heiraten ist für Frauen tendenziell gefährlich“

Sven Lehmann dankt Prof.in Meier-Gräwe für ihre KeynoteNach einer kurzen Begrüßung durch den Landesvorsitzenden Sven Lehmann und Astrid Rothe-Beinlich, frauenpolitische Sprecherin im grünen Bundesvorstand, präsentierte Frau Professor Meier-Gräwe ihre Keynote „Neue Wege – Gleiche Chancen“. Meier Gräwe ist Mitglied der Sachverständigen Kommission des 1. Gleichstellungsberichts der Bundesregierung. In dieser Funktion war sie maßgeblich an der Erstellung des Gleichstellungsberichts beteiligt: nicht nur eine Bestandsaufnahme der aktuellen Geschlechterpolitik, sondern auch eine klare Handlungsanweisung an die Politik. Auftrag war damals die Erstellung eines Pendants zum 7. Familienbericht der Bundesregierung. Insgesamt war die Auftragsvergabe ein mutiger und nicht ganz erwarteter Schritt der amtierenden Bundesregierung in Richtung Gleichstellung. Kristina Schröder, gerade ins Amt gekommen, war bei der Übergabe des Berichts allerdings nicht anwesend.

Meier-Gräwe sprach wichtige Baustellen der Gleichstellung an und machte auf die vehemente Lücke zwischen dem Einkommen von Männern und Frauen aufmerksam und dass Deutschland sich im internationalen Vergleich noch weiter verschlechtert. Deutschland sei noch nicht weiter vorangekommen beim Thema gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit oder beim Thema Frauen in Führungspositionen. Wichtig ist, den gesamten Lebenslauf von Frauen und Männern zu vergleichen, statt immer nur Momentaufnahmen zu machen. Viele Folgen sind nicht von vorneherein abzusehen, viele Frau denken, es individuell anders machen zu können als die Generationen vor ihr, doch dann findet meistens eine Retraditionalisierung der Rollenmuster statt. Die Ehe fördert diese Prozesse noch und beim Scheitern der Ehe stehen die Frauen oft vor dem Nichts. „Heiraten ist für Frauen tendenziell gefährlich“ so Meier-Gräwe scherzhaft.

Mini-Jobs, so Meier-Gräwe, seien eine völlig absurde Konstruktion, weil sie vor allem Frauen in Altersarmut und Abhängigkeit treiben. Und die sozialen Folgen anschließend von der Gesellschaft wieder aufgefangen werden müssen. Letztendlich müssen die gesetzlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen dringend verändert werden. Männer haben auch etwas davon. Viele Männer beklagen nach der aktiven Erwerbsphase, dass sie zu wenig Zeit mit der Familie verbracht haben, außerdem sind viele stressbedingte Erkrankungen vermeidbar, wenn man ein ausgeglichenes Leben führt.

Kommentierung des Berichtes – „Fuck Gender, Be Yourself!“

Um den dialogischen Charakter der Veranstaltung zu betonen, kamen anschließend Vertreter*innen wichtiger gleichstellungspolitischer Organisationen zu Wort: Marlies Brouwers vom Deutschen Frauenrat und Hans-Georg Nelles vom Bundeforum Männer.

Welche gesetzlichen Hürden gibt es eigentlich und welche Hürden muss grüne Politik aus dem Weg räumen? fragten die Bundestagsabgeordneten Katja Dörner und Kai Gehring. Nelles kann verstehen, dass Männer mit dem aktuellen Zustand glücklich sind, denn wenn sie im beruflichen System sehr erfolgreich sind, dann genießen sie große Anerkennung. Schaffen Männer dann noch eine Familie zu gründen, dann erhalten sie sogar noch größere Anerkennung. Doch welche Wertschätzung erhält Mann, wenn er stärker Fürsorgeaufgaben übernimmt? Ein Mann, der ein oder zwei Monate Elternzeit in Anspruch nimmt, werde meistens noch bewundert. Will ein Mann jedoch länger eine Auszeit aus dem Job nehmen, erntet er meistens nur noch Unverständnis und ungläubige Blicke. In der mangelnden Wertschätzung durch die Gesellschaft sieht Nelles die Ursache für wieder erstarkende traditionale Beziehungsmuster. So führen viele Paare zu Beginn eine gleichberechtigte Beziehung, aber nach nur wenigen Jahren fallen die meisten in traditionelle Rollen und Stereotypen zurück. Nelles fordert einen selbstverständlichen Umgang mit Väterrollen fernab von klassischen Strukturen, nur so kann seiner Meinung nach Akzeptanz für gleichberechtigte Lebensstile entstehen.

Marlies Brouwers vom Deutschen Frauenrat ist mit der Expertin Prof.in Meier-Gräwe einer Meinung. Der Gleichstellungsbericht habe die Arbeit des Frauenrates bestätigt und auf ganzer Linie bestärkt. Sie fordert: „Weg mit dem Mini-Jobs“. Besonders schlimm sei die Aufhebung der Arbeitszeitbegrenzung: So kämen Stundenlöhne zusammen, die völlig indiskutabel seien. Darüber hinaus leiden die Sozialversicherungen darunter und nicht zuletzt auch die individuellen Rentenansprüche.

Das Ehegattensplitting sei der völlig falsche Anreiz. Der Frauenrat fordert eine individuelle Besteuerung und sieht in dem Konzept nur einen ideologisch bedingten Anreiz für Frauen, nicht zu arbeiten. Als drittes Kernthema ihrer Arbeit fordert sie den Ausbau flächendeckender Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Wenn Betreuungsmöglichkeiten immer erst ausgebaut werden, wenn der Bedarf entdeckt wurde, kommt dies für die Betroffenen immer zu spät. Auch Teilzeitberufe sieht sie in der Kritik. Man habe zwar das Recht in Teilzeit zu gehen, aber nicht das Recht zurückzukommen.

Sophie Karow, Sprecherin der Grünen Jugend NRW, intervenierte die Diskussion mit ihrem Statement: „Geschlecht zählt nicht – Fuck Gender, Be Yourself!“ Sie gibt den Teilnehmenden die Vorstellung mit in den Tag in einer Gesellschaft zu leben, in der Geschlecht nicht zählt. „Wir alle sind mit bestimmten Rollenvorstellungen und Geschlechtererwartungen auf den Geschlechtergipfel gekommen, dessen sollten wir uns bewusst sein.“ Sie fragte, mit welchem Idealbild von Gesellschaft wir Politik machen und erinnert, dass in jedem von uns auch erlernte Rollenmuster aktiv sind. Wir sollten uns daher immer kritisch hinterfragen, ob unsere Politik Rollenbilder reproduziert, oder ob sie progressiv und zukunftsweisend ist.

Abschlusspodium

Nach der Arbeit in den Workshops kamen alle Teilnehmenden wieder im Plenum zusammen. Unter den Eindrücken des Tages diskutierten Cem Özdemir (Bundesvorsitzender Bündnis 90/DIE GRÜNEN) Marlies Brouwers (Vorsitzende des Deutschen Frauenrates) Katrin Rönicke (Feministische Bloggerin) und Hinrich Rosenbrock (Autor der Studie „Die antifeministische Männerrechtsbewegung“), moderiert von Catrin Stövesand (Deutschlandfunk).

Catrin Stövesand eröffnete die Runde mit der Frage nach den Hauptbaustellen in der Gleichstellungspolitik. Wo hat sich schon das meiste bewegt? Marlies Brouwers versichert, dass es schon einige gesellschaftliche Fortschritte in der letzten Zeit gegeben habe. Allerdings falle es schwer, konkrete Gesetzeserfolge in diesen Bereichen zu verzeichnen. Das Thema Quote sei nicht nur in Diskussion, sondern wird zurzeit in den deutschen Parlamenten beraten. Sie sieht dort Jahre der politischen Arbeit, die nun Früchte tragen – auch oder gerade wegen dem unbeirrbaren Einsatz der Grünen für das Thema. Auch die Themen Mindestlohn und Minijob werden sogar von der CDU aufgegriffen. In welche Richtung sich die Debatte allerdings in der Bundesregierung weiterentwickeln wird, ist für sie noch nicht abzusehen. Erfreulich ist für Brouwers: 80% der Deutschen sagen, Chancengleichheit muss für ein gutes Leben gegeben sein.

Katrin Rönicke berichtet danach: „Online werden aktuell die Machtstrukturen auch wieder männlich“. Männer besetzten das Internet zunehmend als männlich und verteilen die zum Teil sehr rentablen Quellen unter sich. Frauen hinken der Entwicklung einen Schritt hinterher. Sie erlangen oft erst im Nachhinein Gleichberechtigung in neuen Berufszweigen. Wichtig ist Rönicke, dass Männer endlich ihre eigene Emanzipation vollziehen sollen. Viele reden darüber, aber Männer müssen sich auch endlich die Zeit für ihre eigene Emanzipation nehmen. Als dritten Punkt fordert Rönicke die Umstrukturierung der gesamten Arbeitswelt, um Geschlechtergerechtigkeit wirklich lebbar zu machen. Dazu müsste die Gratifizierung von alten Rollenbildern konsequent abgeschafft werden. Für sie arbeiten in der Erwerbswelt von morgen alle Personen nur noch je 30 Stunden – egal ob in Partnerschaften und ob mit oder ohne Kinder.

„Männer sollen sich klar werden, wo sie selber ihre Probleme sehen“, so Hinrich Rosenbrock. Egal ob bei der Zuschreibung von männlichen Rollen oder bei strukturellen Herausforderungen. Den Kern der Probleme sieht er im Neo-Patriarchat verankert, aber auch an der gesamtgesellschaftlichen Sozialstruktur. Provokant stellt er die These auf: „Die meisten Männer fangen sich erst für ihr Kind an zu interessieren, wenn die Beziehung schon in den Brunnen gefallen ist“. Er fragt, warum männliches Verhalten in der Schule zu schlechteren Noten führt, aber auf dem Arbeitsmarkt zu größeren Erfolgen. Außerdem sieht er ein Problem mit Gewalttätigkeit, die beinahe vollständig männlich ist in unserer Gesellschaft: „Männlichkeit ist an Gewalttätigkeit gebunden.“ Er appelliert, dass wir in größeren Dimensionen denken müssen und uns von der Vorstellung von zwei feststehenden Geschlechtern zu lösen. Denn Geschlecht ist auch in anderen Ungleichheitskategorien verankert.

Cem Özdemir versichert, im Vergleich zu südlichen Ländern stünden wir gut da, im Vergleich zu skandinavischen eher schlecht. Die Politik müsse vor allem für eine eigenständige Existenzsicherung sorgen, aber auch z.B. beim Thema Frauen in Vorstandsetagen könne Deutschland nicht wirklich glänzen und werde von vielen anderen europäischen Ländern abgehängt. Tatsächlich sei Deutschland weit entfernt von dem Bild, das wir nach außen vermitteln.

Mit einer Frau als Bundeskanzlerin und Frauen in wichtigen Schlüsselpositionen sei schon ein wichtiger Anfang gemacht. Die Mehrheit der Macht liegt aber noch immer in Männerhänden. Jedoch sehen wir dort auch klare Veränderungen, die „Flexiquote“ z.B. sei selbst in Teilen der CDU nicht mehr vertretbar. Grüne Forderungen sind mit der Zeit auf die andere Seite durchgedrungen. Geschlechterpolitik sei schon längst kein klassisch linkes Thema mehr.

Frau Merkel sollte anerkennen, wem sie ihren heutigen Erfolg mit zu verdanken hat. Es waren die Frauenbewegungen seit den 70er Jahren, die grundlegende Veränderungen in unsere Gesellschaft herbeiführten. Sonst wäre es undenkbar, dass die Vorsitzende einer christlich-konservativen Partei eine geschiedene, kinderlose Frau aus Ostdeutschland ist.

Im Anschluss dankte Sven Lehmann alle Beteiligten und Gästen. Mit dem neu gewonnen und dem verbreiterten Wissen werde die Gleichstellungspolitik als zentrales Grünes Anliegen noch weiter in die Gesellschaft getragen. Die konkreten Vorschläge werden in den verantwortlichen Parteigremien beraten und weiterentwickelt. Spätestens in der nächsten Bundesregierung mit grüner Beteiligung sollen die Früchte dieser Debatte zum Tragen kommen.

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