Massentierhaltung

Pute mit Antibiotikafüllung

Verbraucherschutzminister Remmel hat gestern eine Studie zum Einsatz von Antibiotika in der Putenmast vorgestellt. Das Ergebnis: Neun von zehn Puten werden während ihrer Mast mit Antibiotika behandelt – häufig sogar mehrmals. Das ist nicht nur eklig – sondern auch gefährlich für Mensch und Tier.

92,8 Prozent. So hoch ist der Anteil der Puten in NRW, die während ihres Lebens mit Antibiotika behandelt werden. „Ihr Leben“ meint: Rund sechs Monate. Das ist nicht das einzige Ergebnis der Studie, die Verbraucherschutzminister Remmel gestern vorgestellt hat. Denn ein Großteil der Puten wird gleich mehrfach und mit unterschiedlichen Mitteln behandelt – in Extremfällen kommt es zu 21 Antibiotikabehandlungen mit bis zu zehn unterschiedlichen Wirkstoffen.

Resistenzen – eine Gefahr für Menschen

Das Problem: Der massenhafte Einsatz von Antibiotika führt zur Resistenzbildung von Keimen – mit der Gefahr, dass die Medikamente wirkungslos werden. Besonders pikant: Zwei der vier am häufigsten eingesetzten Medikamente sind sogenannte Reserveantibiotika. Sie sind häufig das letzte, lebensrettende Mittel gegen ansonsten resistente Keime, der letzte Schuss im Revolver.

Die Umwidmung von Medikamenten, die nicht für Puten bestimmt sind, ist eigentlich nur in Ausnahmefällen erlaubt. Doch die Studie zeigt, dass dies längst zur Routine geworden ist. Gefragt sind nun nicht nur die Behörden vor Ort, die ihre Kontrollpflichten stärker wahrnehmen müssen.

Notwendige Konsequenzen ziehen

Die Studie zeigt, dass die bisherigen freiwilligen Vereinbarungen der Putenmäster unzureichend sind. Als wichtigsten Schritt brauchen wir jetzt eine drastische Reduzierung der Besatzdichte. Notwendig ist auch, die Betreuungsintensität zu verbessern und eine Mast in kleineren Einheiten, damit eine gezielte Behandlung der kranken Tiere möglich ist.

Auch die Bundesregierung ist in der Pflicht, den massiven Medikamenteneinsatz in der Tierhaltung zu reduzieren. Denn die zuständige Tierschutz-Nutztierverordnung liegt in der Verantwortung des Bundes. Die NRW-Landesregierung will sie deshalb über den Bundesrat dazu drängen, die Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung mit rechtsverbindlichen Regelungen zur Putenhaltung zu ergänzen. Das ist wichtig – damit der letzte Schuss nicht zur Platzpatrone wird.

Hintergründe zur Studie

  • Von den betrachteten 516 Durchgängen wurden 479 (92,8 Prozent) antibiotisch behandelt.
  • In etwa 86 Prozent der Durchgänge, kam als Mastrasse Big 6 /BUT 6 zum Einsatz. Die Therapiedichte bei der am häufigsten eingesetzte Mastrasse Big 6/BUT 6 war im Vergleich mit den Rassen Converter und Big 9 durchschnittlich um 21 Prozent höher.
  • Es wurden insgesamt 22 verschiedene Wirkstoffe eingesetzt: mit Abstand am häufigsten der Wirkstoff Benzylpenicillin, gefolgt von den Wirkstoffen Colistin, Amoxicillin und Enrofloxacin. Unter den vier am häufigsten eingesetzten Wirkstoffen befanden sich mit Colistin und Enrofloxacin zwei Wirkstoffe aus Substanzklassen, die erhebliche Bedeutung für den Menschen haben und als sogenannte „Reserveantibiotika“ bezeichnet werden. Sie sollten eigentlich der Humanmedizin vorbehalten sein.
  • Bei etwa einem Drittel der Wirkstoffeinsätze (961 von 2.764) wurde ein nicht in Deutschland für Puten zugelassenes Präparat verwendet. Das ist nach dem Arzneimittelgesetz nur in Einzelfällen bei einem Therapienotstand zulässig.

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