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Die Kiefernstraße

Eine besondere Straße in Düsseldorf.

Willkommen in der Kiefernstraße.

Früher eine besetzte Straße, leben dort heute etwa 600 Menschen in regulären Mietverhältnissen. Besonders ist die Straße mit der knallbunten Häuserfassade geblieben: Der Anteil der Bewohner mit Zuwanderungsgeschichte ist hoch, die Mieten sehr niedrig. Ein selbstbestimmtes Leben ist hier für viele von großer Bedeutung – auf eine funktionierende Nachbarschaft wird dennoch großer Wert gelegt.

Von einem, der auszog…

Harald Schwenk. Als Hausbesetzer kam er aus Koblenz nach Düsseldorf und ist geblieben. Für die Grünen ist er in der Bezirksvertretung aktiv und sachkundiger Bürger. Seit den 80er Jahren lebt er in der Kieferstraße und nimmt uns mit auf einen kleinen Rundgang.

„Die Kiefernstraße ist multikulturell, in hohem Maße divers und sozial integrativ. Der Anspruch, selbstbestimmt leben zu wollen, ist für mich ein urgrünes Anliegen.“ – Harald Schwenk

Die wilden 80er…

Starten wir mit einer kurzen Rückblende. In den frühen 80er Jahren gab es in Düsseldorf eine sehr aktive Hausbesetzerszene. Immer wieder kam es zu Räumungen und die Situation war äußerst angespannt. Zur Deeskalation bot die Stadt den Besetzern einige Wohnungen auf der „ungeraden Seite“ der Kiefernstraße an. Die Straße war zu der Zeit ein ziemlich heruntergekommenes, ehemaliges Arbeiterviertel. Die Häuser wurden um 1910 gebaut, bis in die 70er Jahre lebten dort Arbeiterfamilien, dann gab es immer mehr Leerstand: Die Häuser waren für den Abriss vorgesehen, ein Gewerbegebiet war in Planung.

„Die Stadt bot uns Nutzungsverträge mit einjähriger Laufzeit an, die jährlich verlängert werden sollten und Miete mussten wir natürlich auch zahlen. Einige haben das Angebot angenommen – vor Ort ging es dann aber weiter mit Besetzungen und ein Abriss kam natürlich nicht mehr in Frage.“ – Harald Schwenk

Die Einigung

Nach und nach wurden alle leerstehenden Wohnungen auf der ungeraden Seite besetzt. Während es in anderen Städten – wie zum Beispiel in Hamburg – zu heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Besetzerszene kam, wollte man in Düsseldorf auch weiterhin keine Eskalation. Der damalige Sozialdezernent Saatkamp zeigte sich gesprächsbereit und hatte Rückendeckung von den GRÜNEN und der SPD.

„Wir konnten uns einigen: Die Stadt forderte, dass die illegale Situation aufgehoben werden müsste. Das hieß für uns: Mietverträge und keine weiteren Besetzungen. Die Forderungen der Bewohner waren aber auch klar: Ein neues Dach für die Hausnummer 23, der Erhalt der gesamten Straße und ein Mitbestimmungsrecht bei den Mietverträgen. Und das ist bis heute so geblieben.“ – Harald Schwenk

Souverän ist immer das Haus

Zurück ins Jahr 2017. Das hier zu sehende Schwesternheim steht exemplarisch für die zahlreichen individuell gestalteten, bunten Häuser auf der Kiefernstraße. In diesem Haus leben nur Schwule und Lesben. Im sogenannten Käferhaus leben nur Frauen und in einem anderen haben früher nur Punks gelebt. Wenn die Fassade eines Hauses neu gestaltet werden soll, setzen sich die Bewohner mit dem jeweiligen Künstler zusammen. Gemeinsam wird überlegt, wie das Haus aussehen könnte.

„Souverän ist immer das Haus. Wenn jemand neu einziehen möchte, dann entscheidet das ganze Haus darüber. Die Kommunikation läuft in den verschiedenen Häusern auch ganz unterschiedlich ab. Manche veranstalten ein regelmäßiges Hausplenum, andere kennen sowas gar nicht und viele wählen einen Mittelweg. Früher gab es auch mal einen Häuserrat, solche Strukturen zerfallen aber auch immer wieder.“ – Harald Schwenk

Geheizt wird noch mit Kohle

Aufgeteilt sind die Häuser alle gleich: Zwei Wohnungen vorne, zwei hinten. Vielfach zusammengelegt, nach hinten raus gibt es Balkone. Die Toiletten befinden sich meist – wie es in vielen Altbauten früher üblich war – auf halber Treppe. Geheizt wird noch mit Braunkohlebriketts. Die Mieten sind nach wie vor sehr niedrig.

„Viele wohnen in einzelnen Wohnungen, es gibt aber auch Häuser, bei denen dieser Übergang fließend ist.“ – Harald Schwenk

Der Kinderclub Kiefernstraße

Die Kiefernstraße hat sogar ihren eigenen Kinderclub. „KiKi“ wird er genannt und war in früheren Zeiten ein Seniorentreff. Seit den 90er Jahren handelt es sich dabei aber um eine städtische Kindereinrichtung mit Nachmittagsbetreuung, Hausaufgabenhilfe und Ferienangeboten. Hier kann man Kickern, Tanzen und Skaten. Außerdem gibt es Foto-, Audio- und Videoworkshops. Direkt vor dem Haus gibt es Skateboardrampen und eine Grafittiwand.

„Die Angebote richten sich vor allem an Kinder aus der Bewohnerschaft und werden auch sehr gut angenommen. Die Räume des Kiki können die Bewohner aber auch für ihr Plenum nutzen.“ – Harald Schwenk

Vom Gemüseladen zum AK 47

Das AK47 ist nicht nur ein Schnellfeuergewehr, sondern auch ein bekannter Punkrockclub an der Kiefernstraße. Kaum noch vorstellbar, aber: Früher war das mal ein Gemüseladen. Es folgte das „Nixda“, ein Café bzw. Infoladen. Heute finden hier am Wochenende regelmäßig Konzerte statt. Mitte der 80er Jahre sind die jungen Toten Hosen aufgetreten und sogar Green Day hatten dort in den 90er Jahren einen Gig.

„Einige Bewohner arbeiten hier ehrenamtlich.“ – Harald Schwenk

Der Dorfplatz

Dieser Ort befindet sich in der Mitte der Kiefernstraße direkt gegenüber vom AK47 und wird von den Bewohnern „Dorfplatz“ genannt. Hier herrscht Durchfahrtsverbot, man kann zusammenkommen, sich in Ruhe unterhalten, gemeinsame Aktivitäten planen.

„Das war schon früher so, da hat man sich seinen eigenen Stuhl mitgebracht. Heute haben wir diese Sitzgelegenheit aus Betonteilen. Die Bewohner haben sie selbst entworfen. Und es ist wirklich so: Wenn man hier sitzt, dauert es nicht lang und man hat Gesellschaft.“ – Harald Schwenk

Eine Besonderheit in der Kiefernstraße ist übrigens, dass es dort teilweise fünf Meter breite Gehwege gibt. Neben dem Dorfplatz ist dieser Raum den Bewohnern wichtig und sie wollten ihn nicht den Autos überlassen. Deshalb gibt es an der Straße größtenteils einen doppelten Bordstein. Den kann kein Auto hochfahren.

Kulturbureau

Früher war das mal ein Lebensmittelladen, dann kam ein Büdchen und jetzt ist es ein Ausstellungsraum. Einmal im Monat gibt es eine neue Ausstellung.

„Einmal die Woche wird hier aber auch gekocht und die Bewohner, die Lust haben, kommen vorbei und können zum Selbstkostenpreis essen.“ – Harald Schwenk

Hall of Fame

Diese Wand nennen die Bewohner ihre „Hall of Fame“. Zwei- bis dreimal im Jahr wird sie neu bemalt.

„Streetartkünstler bieten kostenlose Graffiti-Workshops an und gestalten die Wand dann zum Beispiel mit Kindern aus dem KiKi.“  – Harald Schwenk

Eine besondere Nachbarschaft

Hier endet die Kieferstraße und unser Rundgang. Der Übergang von den bemalten Häusern der Kiefernstraße hin zu ganz normalen Mietwohnungen könnte deutlicher nicht sein. Und vielen Bewohnern ist klar: Sie wollen bleiben. Zum Teil lebt in der Kiefernstraße schon die zweite Generation. Der Identifikationsgrad mit dem Viertel ist hoch, das soziale Netz ist stark. Häufig gibt es Nachfragen, ob aktuell eine Wohnung frei sei.

„Das hier ist definitiv eine besondere Nachbarschaft. Uns allen ist Selbstbestimmung sehr wichtig, aber wir wissen, dass es am Ende einen Kompromiss braucht. Hier gibt es einfach ein Bewusstsein dafür, dass Nachbarschaft ein Wert ist, für den man sich einsetzen muss.“ – Harald Schwenk

Und wie geht’s weiter mit der Kiefernstraße?

„Der Sanierungs- und Modernisierungsdruck ist hoch. Aber eins ist klar: Es wird keine Modernisierung auf Kosten der Sozialstruktur geben.“ – Harald Schwenk

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