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30 Jahre Tschernobyl

Vor 30 Jahren kam es in Tschernobyl zum Super-GAU. Bis heute sind die Folgen auch bei uns messbar. Das traurige Jubiläum mahnt und lässt uns noch einmal in Bildern auf die Entwicklungen seit dem 26. April 1986 zurückblicken.

26. April 1986: Der Super-GAU

Kurz nach Mitternacht am 26. April 1986 lässt eine Explosion die Bewohner des ukrainischen Ortes Prypjat nahe dem Atomkraftwerk Tschernobyl aus ihren Betten hochschrecken. Im Reaktorblock vier ist es zu einer unkontrollierten Kernschmelze gekommen – dem Super-GAU. Eine Wolke radioaktiven Staubs zieht über das Land und verteilt sich schon bald über Europa.

Acht Tage nach dieser nuklearen Katastrophe mit weltweiten Auswirkungen erklärt der spätere russische Präsident Boris Jelzin in Hamburg, die Lage um Tschernobyl habe sich normalisiert. Am 29. April 1986 erreichte die radioaktive Wolke auch das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland.

Prypjat – eine Geisterstadt

Besonders in Weißrussland werden ganze Landstriche unbewohnbar.  Hunderttausende Menschen müssen auf Grund der Reaktorkatastrophe völlig überstürzt ihre Heimat verlassen.

In der nur 4 km vom Kernkraftwerk entfernten Stadt Prypjat lebten zum Zeitpunkt der Katastrophe etwa 50.000 Einwohner. Am Tag nach dem Unfall wird die gesamte Stadt evakuiert. Die Bewohner glauben in diesem Moment noch, dass sie nach ein paar Tagen zurückkommen können und lassen deshalb einen Großteil ihrer Sachen zurück.

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Bis heute ist Prypjat unbewohnbar und zu einer unheimlichen Geisterstadt verkommen.

Der Film „Postcards vom Pripyat“ zeigt eindrucksvoll, wie es in der Stadt heute aussieht: Verlassene Gebäude, leere Schwimmbecken, persönliche Gegenstände, die zurückgelassen werden mussten.

Lesan: geräumt und „beerdigt“

Zwei Jahre später wurde das leere Dorf Lesan „beerdigt“. Große Löcher wurden an verschiedenen Stellen des Ortes ausgehoben. Häuser, Schilder und Zäune wurden abgerissen und in die Gruben geschoben, wo der radioaktive Müll bis heute ungeschützt lagert. Außer dem Friedhof erinnert nichts mehr an das Dorf.

Insgesamt werden 73 Dörfer innerhalb der 30-km-Zone rund um Tschernobyl geräumt. Weil nichts über die Gefahr bekannt ist, muss die Bevölkerung teilweise mit Gewalt evakuiert werden. Ein halbes Jahr später werden 113 weitere Dörfer geräumt, in denen die Menschen bis dahin die hochbelastete Milch ihrer Kühe getrunken hatten. Außerhalb der 30-km-Zone werden viele Äcker nur umgepflügt, die nach deutschen Grenzwerten mindestens für einhundert Jahre hätten gesperrt werden müssen. Für sie besteht darin die einzige Dekontaminierungsmaßnahme.

Schwerste gesundheitliche Folgen

Sie waren als große Hilfe aus dem Westen angepriesen worden: die Roboter für Tschernobyl. Rund 100 Tonnen herausgeschleudertes, hochradioaktives Material aus dem Kern des Reaktors sollten sie in die Ruine zurückwerfen. Ihre Elektronik versagte aufgrund der hohen Radioaktivität regelmäßig, meist in den ersten Minuten ihres Einsatzes. Die Arbeit der Roboter wurde im September 1986 von Soldaten erledigt. Deren Strahlenbelastung wurde nicht erfaßt.

Mit Schaufeln und mit Händen wird nach der Katastrophe ein notdürftiger „Sarkophag“ über dem Reaktor errichtet. Mittlerweile zerfällt die Betonhülle – was sich im Reaktorinneren abspielt, weiß niemand. Seit 2012 wird eine Stahlhülle über dem mehrfach notdürftig sanierten Sarkophag errichtet. Die Hülle soll 108 Meter hoch werden und die Bauarbeiten sollen im November 2017 beendet sein.

Durch die Beschädigungen am Sarkophag entweicht jahrelang radioaktiver Staub in die Umwelt, und das Grundwasser wird weiter verstrahlt. Zum Bau des Sarkophags und für die Aufräumarbeiten werden mehr als 650.000 „Liquidatoren“, meist Reservisten und Feuerwehrleute, eingesetzt, die ohne Erfahrung in der Hölle von Tschernobyl arbeiten. Die direkt am Reaktor eingesetzten Menschen altern binnen weniger Tage zu Greisen. Viele leben heute am Rande der Gesellschaft. Bis 1999 sind laut der Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl“ mehr als 50.000 „Liquidatoren“ gestorben.

Im Süden Weißrusslands treten nach dem Reaktorunfall zudem vermehrt Fälle von Schilddrüsenkrebs auf. Vor allem Kinder sind betroffen.

Weit weg und plötzlich ganz nah

Die durch das Unglück entstandene radioaktive Wolke überwindet auch größere Distanzen ohne Probleme. Sie zieht tausende Kilometer weit, wechselnde Winde verteilen die Strahlenfracht über Osteuropa, Skandinavien und Westeuropa.

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Die radiokative Wolke erreicht Deutschland am 29. April und geht aufgrund intensiver Regenfälle vor allem in Süddeutschland nieder. Die unsichtbare Gefahr verunsichert die Bevölkerung stark: Kinder dürfen nicht mehr in Sandkästen spielen, Spinat und Kopfsalat sind teilweise 6.000-fach höher mit Caesium 137 belastet. Auch heute sind die Spuren zum Beispiel noch in der Senne oder im Bayerischen Wald zu finden. Wild und Pilze sollen dort noch immer nicht verzehrt werden.

Die große Unsicherheit zieht die Menschen auf die Straßen. Es gibt bundesweit viele Demonstrationen gegen Atomkraft, bei denen der sofortige Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie gefordert wird.

2001: Rot-Grün beschließt Atomstop

Im Jahr 2001 beschließt die rot-grüne Regierung den Ausstieg aus der Atomkraft. Zehn Jahre später macht die schwarz-gelbe Regierung mit ihrem „Ausstieg aus dem Ausstieg“ den Atomkonsens allerdings einfach wieder rückgängig. Die Erinnerung an Tschernobyl scheint verblasst, die wirtschaftliche Attraktivität der Atomkraft steht wieder im Vordergrund, ohne dabei an die Endlagerproblematik und die gesundheitlichen Folgen zu denken.

2011: Das endgültige Aus der deutschen Atomkraft

Erst eine weitere Nuklearkatastrophe führt in Deutschland zum endgültigen Atomausstieg. Nach Fukushima beschließt der Bundestag am 30. Juni 2011 endlich den Atomausstieg. Acht deutsche Kernkraftwerke verlieren dabei sofort ihre Betriebsgenehmigung, die Laufzeit der übrigen Kraftwerke ist zeitlich gestaffelt, wobei die letzten Kernkraftwerke Ende 2022 abgeschaltet werden müssen. Momentan sind in Deutschland noch acht Atomkraftwerke am Netz. 

Unsere Landesvorsitzende Mona Neubaur mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei der Mahnwache im Jahr 2011

Foto: Unsere Landesvorsitzende Mona Neubaur mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei der Mahnwache im Jahr 2011 in Düsseldorf.

Zeit für den europaweiten Atomausstieg

Bis heute sind die Folgen von Tschernobyl auch bei uns messbar. Fukushima hat außerdem noch einmal bestätigt, dass es sich bei Tschernobyl keineswegs um einen zu vernachlässigenden Einzelfall handelt. Es können niemals alle Gefahrenquellen ausgeschlossen werden: Sicher ist nur das Risiko.

Selbst in Ländern mit hohen Sicherheitsstandards kommt es immer wieder zu Störfällen, wie man aktuell am Beispiel Belgien beobachten kann. Die dortigen Schrottreaktoren Tihange 2 und Doel 1 haben es durch immer wiederkehrende Störungen und Abschaltungen zu trauriger Bekanntheit gebracht. Beide Atomkraftwerke sind alt und weisen tausende Risse auf.

Im April 2016 schließt sich das Land Nordrhein-Westfalen nach Grüner Initiative einer Klage gegen den Schrottreaktor in Tihange an. Ziel ist es, dass der Reaktor schnellstmöglich vom Netz geht.

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Tihange abschalten – Teile die Botschaft auf Facebook

Nicht zu vernachlässigen ist auch die Gefahr durch eine terroristische Bedrohung: Atomkraftwerke könnten ein beliebtes Ziel für Terroristen darstellen. Dass in Deutschland der Atomausstieg geschafft ist, reicht also noch lange nicht: Wir müssen uns staatenübergreifend endgültig von der Atomkraft verabschieden.

Weg von Öl und Atom – hin zu Sonne und Wind!

Wind, Wasser, Biomasse und Erdwärme sind die Energiequellen auf die wir ab jetzt setzen müssen. Europa kann und sollte seinen Energiebedarf bis zur Mitte des Jahrhunderts zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien decken und sich unabhängig von den endlichen Energiereserven machen. Die Nutzung erneuerbarer Energie schont die Umwelt, schafft keine Endlagerproblematik, birgt keine gesundheitlichen Risiken und schafft neue Arbeitsplätze.

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