NRW befindet sich auf dem Rückweg von der allgemeinen Schulzeitverkürzung am Gymnasium.
Damit zieht die Politik die Lehren aus einem schwierigen und vielfach schmerzhaften Prozess.
CDU und FDP haben den massiven Eingriff und die Verkürzung in der Sekundarstufe I zu
verantworten. Die Umsetzung verlangte Schulen und Schulträgern viel ab. Obwohl nach den
Anstrengungen zunächst die überwiegende Zahl der Schulen und auch Verbände am G8
festhalten wollten, gelang es dann in grüner Regierungsverantwortung trotz aller Bemühungen
zur Schulentwicklung nicht, die Unzufriedenheit bei Eltern, Schüler*innen und auch Lehrkräften
aufzulösen. Deshalb tragen auch wir GRÜNE den Weg zurück zu G9 im Grundsatz mit. Wir fordern
aber von der Landesregierung, dass sie den Prozess in Verantwortung gegenüber den
kommunalen Schulträgern und im Geiste innovativer Schulentwicklung gestaltet.
Klarheit durch eine Regelung für alle
Wir GRÜNE wollen, dass jedem Schüler und jeder Schülerin eine individuelle und ausreichende
Lernzeit zugutekommt und unterstützen deshalb, dass neben den Gesamtschulen und
Berufskollegs das Abitur nach neun Jahren auch am Gymnasium grundsätzlich wieder möglich
sein soll. In der Umsetzung muss gelten:
Das G9 ist die Grundlage für alle Gymnasien und an jeder Schule können Schüler*innen durch
individuelle Lernzeiten in der Sekundarstufe I oder auch Sekundarstufe II ihre Schullaufbahn
auch kürzer gestalten.
Schwarz-Gelb scheut klare Entscheidungen: Anstatt eine einheitliche Regelung für alle
Gymnasien, wie das Kommunale Spitzenverbände, Lehrer-, Elternverbände und die
Landesschüler*innen fordern, verschanzt sich die FDP-Schulministerin hinter dem schwarz-
gelben Koalitionsvertrag und lässt das Hin und Her zwischen G9 und G8 bewusst zu.
Konnexität in vollem Umfang
Die Kosten für die Umstellung müssen vollumfänglich vom Land übernommen werden. Doch
auch in der Frage der Konnexität herrscht bei Schwarz-Gelb keine Klarheit. Der gesamte G9-
Prozess könnte bis zu einer Milliarde Euro kosten. Neue Klassen- und Fachräume werden
gebraucht, zum Teil sind neue Schulbauten notwendig. Es ist völlig unklar, wann die Kommunen
wissen werden, was das Land zu zahlen bereit ist. Die Bildungspauschale und die Mittel aus dem
rot-grünen Programm „Gute Schule 2020“ dürfen nicht für die Kosten herangezogen werden, die
aus dem neuen G9-Gesetz erfolgen. Wir erwarten, dass nicht nur die Investitionskosten, sondern
auch konsumtive Kosten übernommen werden. Das bezieht sich auch auf die Kosten des
Planungspersonals, das für die Umbauten benötigt wird. Um die vielfältigen Aufgaben in
Schulneubau, Schulsanierung und digitaler Schulinfrastruktur stemmen zu können, zu denen
jetzt auch noch die zusätzlichen Raumbedarfe im G9-Ausbau hinzukommen, brauchen die
Kommunen zusätzliche Unterstützung. Außerdem müssen 2200 neue Lehrerstellen geschaffen
und besetzt werden.
Es darf keinen Rollback zum „alten G9“ als Halbtagsgymnasium geben. Im Gegenteil: Das G9 als
Ganztagsangebot muss weiter für innovative Schulentwicklung genutzt werden. Die zusätzlichen
Stunden bieten Raum für individuelle Entfaltung, Persönlichkeitsentwicklung und soziales
Lernen. Schule ist Lern- und Lebensraum. Dafür bedarf es zusätzlicher und vielfältiger Räume mit der entsprechenden Aufenthaltsqualität und attraktive Angebote zur Auflockerung des
Schulalltags.
Diese Chancen will die Landesregierung verstreichen lassen: Mit dem G9 als Halbtagsschule
versucht sich Schwarz-Gelb auch aus der Konnexitätsverantwortung zu stehlen. Gleichzeitig
dreht die Ministerin der „Bedenken-Second“-Partei fahrlässig die innovative Schulentwicklung
zurück. Auch das Offenhalten der G8-Option droht ein Kostenhintertürchen zu sein.
Schulministerin Gebauer macht zudem ein neues Fass auf und kalkuliert, die
Grundschulempfehlungen wieder verbindlich zu machen. Der Zugang zum Gymnasium soll damit
beschränkt werden. Eine solche „staatlich verordnete Hellseherei“ lehnen wir GRÜNE ab! Es geht
der FDP wieder um das stärkere Sortieren von Kindern. Der Leistungsdruck auf Kinder würde
wieder früh in der Grundschule verstärkt werden. Das nehmen wir genauso wenig hin, wie dass
über das Spekulieren von Zugangsbeschränkungen die Konnexität heruntergerechnet wird.
Mehr Chancengleichheit für alle statt Schulformprivilegien
Die GRÜNEN bekennen sich dazu, dass der Ressourcenaufwuchs mit aller Anstrengung
dynamisch fortgesetzt werden muss. Die großen Investitionsbedarfe beim Ausbau zum G9 dürfen
nicht zulasten anderer Schulen und Schulformen gehen. Es darf nicht um eine Privilegierung des
Gymnasiums gehen, sondern um mehr individuelle Förderung und mehr Chancengerechtigkeit
für alle Schüler*innen.
Deshalb darf z.B. die Stärkung der Grundschulen mit besserer Bezahlung der Lehrkräfte wie der
Bereitstellung von Erzieher*innenstellen und Verwaltungsentlastung genauso wenig hintan
gestellt werden wie der dringend gebotene Sozial- und Inklusionsindex für die Schulen des
gemeinsamen Lernens. Auch die Neubau-, Sanierungs- und Ausstattungsbedarfe aller anderen
Schulen dürfen nicht unter dem G9-Ausbau leiden.
Dabei gilt grundsätzlich, dass die Gymnasien mit ihrer Entwicklung zu einem Abitur in neun
Jahren alle Schüler*innen, die aufgenommen werden, mindestens zu einem ersten
Schulabschluss führen können. Sie können damit besser an der Bildungsaufgabe arbeiten, in
einem umfassenden Inklusionsverständnis der Verschiedenheit von Kindern durch individuelle
Förderung gerecht zu werden – unabhängig von Herkunft, sozialer Lage oder Behinderungen.
Jenseits der Debatten um die aktuelle schulpolitische Gesetzgebung brauchen wir einen Diskurs
über die Bildung für das 21. Jahrhundert. Soziale Gerechtigkeit, das demokratische Gemeinwesen, die Gestaltung der Digitalisierung sind vor allem auch Bildungsfragen. Nicht zuletzt geht es um Entwicklung eines Bildungswesens, das Menschen zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigt. Die Auswirkungen des eigenen Handelns auf sich, die Gemeinschaft und die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen, gehört in das Zentrum des
Lernens. Deshalb werden wir GRÜNE einen Prozess zu den tiefgreifenden Zukunftsfragen der
Bildung organisieren.
Beschlossen auf dem Landesparteirat am 15.04.2018
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