Eine politische Kampagne lebt von Zuspitzung und Wortspiel

In den letzten Tagen gab es Fragen zu einem unserer Plakate. In der Headline heißt es: GRÜN IST auch ohne Glyphosat die dicksten Kartoffeln zu haben. Für alle, die genau wissen wollen, was Glyphosat mit Kartoffeln zu tun hat, haben wir Fragen und Antworten zusammengestellt:

Wird im Kartoffelanbau Glyphosat eingesetzt?

Laut Landwirtschaftskammer NRW: ja, zumindest in der Folge des Kartoffelanbaus. Die Landwirtschaftskammer schreibt am 31. Juli 2020 in ihren Empfehlungen zum Pflanzenanbau: „Durchwuchskartoffeln auf der Getreidestoppel müssen mechanisch oder chemisch bekämpft werden. Falls die Durchwuchskartoffeln sehr tief sitzen und eine so tiefe Bodenbearbeitung nicht möglich ist, kann eine Behandlung auf der Getreidestoppel mit Glyphosat erfolgen, sobald die Durchwuchskartoffeln wieder ausreichend Blattmasse gebildet haben.“ (Landwirtschaftskammer)

Laut Landwirtschaftskammer Niedersachsen nimmt das Problem der Durchwuchskartoffeln aufgrund immer weniger Frosttage im Winter zu. Somit ist auch mit einem immer stärkeren Einsatz von Glyphosat gegen die Durchwuchskartoffeln zu rechnen.

Der Pflanzenkiller Glyphosat ist auch zum Synonym einer chemiebasierten industriellen Landwirtschaft geworden, die Gesundheits- und Umweltschutz vernachlässigt. Im Kartoffelanbau wurden und werden andere hochgiftige Stoffe zur Sikkation (Abtötung des Krautes zur Erntesteuerung) eingesetzt. Unser Ziel als GRÜNE ist eine lebensfreundliche Landwirtschaft, die den Chemieeinsatz minimiert. Unsere Ziele sind unbelastete Lebensmittel, der Erhalt der biologischen Vielfalt, gesunde Böden und sauberes Wasser.

Erfolgt Kartoffelanbau nach guter fachlicher Praxis, wechseln sich Kartoffen auf einem Ackerschlag über die Jahre mit anderen Kulturen wie Weizen u. ä. ab. Innerhalb dieser Fruchtfolge findet auf ein und demselben Acker, auf dem im einen Jahr Kartoffeln angebaut wurden, oft auch eine Beikrautbekämpfung mit Herbiziden aller Art, auch mit Glyphosat statt.

 

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist das am meistbenutzte Ackergift weltweit. Es ist ein so genanntes „Totalherbizid“ und tötet jede Pflanze, die nicht gentechnisch gegen das Gift resistent gemacht wurde. Je häufiger glyphosathaltige Pestizide angewendet werden, desto eher entstehen allerdings auch resistente Populationen von Beikräutern, die durch das Mittel eigentlich vernichtet werden sollen. Die pflanzenvernichtenden Eigenschaften von Glyphosat wurden von der Firma Monsanto in den 1970er Jahren patentiert. Das Mittel kam unter dem Namen „Roundup“ auf den Markt und wurde zum Bestseller. Glyphosat wirkt systemisch, d.h. aufgenommen über die Blätter gelangt es in alle Bestandteile der Pflanze: in Blätter, Samen und Wurzeln. Glyphosat lässt sich nicht abwaschen und wird weder durch Erhitzen noch durch Einfrieren abgebaut. Glyphosat-Rückstände halten sich etwa ein Jahr lang in Lebens- und Futtermitteln.

Als Totalherbizid tötet Glyphosat jede Pflanze auf dem gespritzten Feld ab, sofern sie nicht entsprechend gentechnisch verändert ist. Deshalb sind die Auswirkungen direkt auf die Ackerflora und indirekt auf die Ackerfauna groß: Weniger Wildpflanzen auf und neben den Ackerflächen bieten weniger Lebensraum für weniger Insekten. Und diese sind die Hauptnahrung für andere Tiere wie etwa Vögel. Die biologische Vielfalt nimmt mit dem vermehrten Einsatz von Glyphosat ab. 30 Prozent aller Vögel der Agrarlandschaft stehen bereits auf der Roten Liste der bestandsbedrohten Tierarten.

Im März 2015 hat die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ (2A) für den Menschen eingestuft. „2A“ ist die zweithöchste Gefahrengruppe. Seit Langem steht Glyphosat im Verdacht, Krebs auszulösen.
In den USA wurde Bayer als Eigentümer von Monsanto in mehreren Gerichtsurteilen zu Schadensersatzzahlungen an Geschädigte in mehrfacher Millionenhöhe verurteilt. Andere Gerichtsverfahren endeten mit millionenschweren Vergleichen.
(Quelle: BUND)

 

Darf Glyphosat beim Zwischenfruchtanbau vor oder nach Kartoffeln eingesetzt werden?

Im Grundsatz ja. Wenn die Zwischenfrüchte allerdings im Rahmen des so genannten „Greenings“ der europäischen Agrarförderung als Ersatz für „Ökologische Vorrangflächen“ angebaut werden, so ist dort mittlerweile auch in Deutschland der Einsatz von jeglichen Pestiziden ab Ernte der Hauptfrucht bis zum 15.1. des Folgejahres untersagt. Die Bundesregierung hatte zwar versucht, diese an sich sinnvolle europäische Regelung zu verhindern, ist damit aber zum Glück gescheitert.

 

Warum kann Glyphosateinsatz sich langfristig negativ auf Ernten nicht nur bei Kartoffeln auswirken?

Bodenchemikalien wie Pestizide schädigen das Bodenleben (Biodiversität im Boden) und vermindern damit die Zersetzung organischen Materials und so auch den Aufbau von Humus (Quelle). Glyphosathaltige Mittel schädigen erwiesenermaßen Regenwürmer und weitere Bodenorganismen (Quelle und Quelle). Zudem bindet Glyphosat Mikronährstoffe wie Eisen und Mangan, was deren Verfügbarkeit für die Nutzpflanzen schadet und sie anfälliger für Krankheiten machen kann.
Im Zuge der fortschreitenden Klimakrise nehmen Dürrephasen und Starkregenereignisse zu. Ein gesundes Bodenleben und der Aufbau von Humus und damit die Fähigkeit von Böden zur Wasseraufnahme und -speicherung wird daher immer wichtiger für die Landwirtschaft. Auch deshalb ist es notwendig, auf glyphosatfreie Bewirtschaftungsformen umzusteigen.
Obwohl die Bundesregierung einen Glyphosatausstieg versprochen hat, wurden bislang noch keinerlei Anwendungsbeschränkungen erlassen – noch nicht einmal in Haus- und Kleingärten sind glyphosathaltige Herbizide bislang verboten. Zudem vernachlässigt Landwirtschaftsministerin seit Jahren auch die Förderung von nicht chemischen Pflanzenschutzverfahren. Von einer systematischen Pestizidreduktionsstrategie, um Pestizidrisiken für Mensch, Umwelt und Landwirtschaft, zu verringern, will das Bundeslandwirtschaftsministerium auch nichts wissen. Dabei fordert inzwischen auch die EU-Kommission eine Halbierung des Pestizideinsatzes – bzw. der Pestizidrisiken sowie den Ausstieg aus besonders gefährlichen Pestiziden.

 

Wann wird Glyphosat endlich verboten?

Die reguläre Zulassung von Glyphosat läuft in Europa zum 15.12.2022 aus. Bayer hat nach der milliardenschweren Übernahme von Monsanto mittlerweile den Antrag auf weitere Zulassung ab 2023 eingereicht.
Die schwarz-rote Regierungskoalition im Bund hat in ihrem Koalitionsvertrag den Menschen einen möglichst schnellen Ausstieg aus Glyphosat versprochen, nachdem die letzte verkürzte europäische Zulassung mit den Stimmen Deutschlands ermöglicht worden war. Mittlerweile ist die Bundesregierung stark zurückgerudert und sieht ein nationales Verbot der Glyphosatanwendung frühestens ab 2023, also dann, wenn es nach Europarecht ohenhin nicht mehr zugelassen wäre. Die Bundesregierung sieht sich damit offenbar als Schutzpatronin des „wahrscheinlich krebserregenden“ Pflanzenvernichters. Nicht einmal das Verbot der Anwendung in Privatgärten hat sie bis heute wirksam angepackt.

 

Richtet sich das Plakat mit der Aufschrift: „GRÜN IST…auch ohne Glyphosat die dicksten Kartoffeln zu haben“ pauschal gegen Landwirte?

Nein. Unsere Kommunalwahlkampagne arbeitet mit zugespitzter Sprache in Wort und Bild. Das ist bei vielen Parteien und in vielen Wahlkämpfen üblich. Statt auf Fotos setzt die Kampagne auf Illustrationen, und sie nutzt Wortspiele. So steht „Dickste Kartoffel“ im Deutschen sprichwörtlich für eine reiche Ernte, und Glyphosat steht als bekanntestes Ackergift symbolisch für landwirtschaftliche Praktiken, die unsere Natur zu stark belasten.

Es geht um eine Landwirtschaft, die Bauern ein auskömmliches Wirtschaften ermöglicht – und auf Tierwohl, Klima, Artenvielfalt, Böden und Grundwasser Rücksicht nimmt. Wir streiten dabei an der Seite von immer mehr Bäuerinnen und Bauern, die ein Weiter so in der Landwirtschaft ablehnen.

 

Warum wollen GRÜNE eine Wende in der Landwirtschaft und etwa den Einsatz von Ackergiften reduzieren?

Fast die Hälfte der NRW-Landesfläche wird landwirtschaftlich genutzt. Über Jahrzehnte hinweg kam es hier zum Verlust von Landschaftsstrukturen und vielfältigen Standortbedingungen. Starke Düngung verdrängt zahlreiche Pflanzenarten auf nährstoffarmen Böden, Insekten und Vögeln fehlen oft Nahrung und Lebensräume. Hinzu kommt großflächig der Einsatz von Pestiziden aller Art, also neben Herbiziden auch Insektizide, Fungizide und viele andere. All das führt – gemeinsam mit anderen Faktoren – dazu, dass zahlreiche Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind oder bereits ausgestorben sind und wir vor einem beispiellosen Artensterben in unseren Ökosystemen stehen.

Wir wollen eine andere Art der Landwirtschaft aber auch fördern: denn naturnahe Landwirtschaft muss auch auskömmlich sein! Die Volksinitiative Artenschutz fordert völlig zurecht: Die vom Land betriebenen oder verpachteten Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung (Kantinen etc.) sollen verbindlich und vorrangig Erzeugnisse aus regionalem ökologischen Anbau und regionaler extensiver Weidehaltung beziehen. Dadurch soll auch die von Bauern geforderte stärkere Nachfrage nach umwelt- und tierschutzgerecht erzeugten Lebensmitteln dauerhaft gesteigert werden. Förderprogramme des Landes für Kommunen bei der Gemeinschaftsverpflegung sollen diese ebenfalls als Fördervoraussetzung festschreiben.

Wir GRÜNE unterstützen die Forderungen der Volksinitiative Artenschutz.

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