Beim siebten 1,5-Grad Soundingboard der Grünen NRW am 31. März 2025 stand das Thema „Nachhaltige Stadtplanung“ im Fokus. Expert*innen aus Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft traten unter der Moderation der Landesvorsitzenden Yazgülü Zeybek zusammen, um Herausforderungen zu analysieren und Lösungsansätze zu diskutieren. Die Teilnehmenden widmeten sich der zentralen Frage, wie eine nachhaltige Stadtplanung der Erreichung des 1,5-Grad Ziels dienen kann. Dabei standen insbesondere die Flächennutzung und auftretende Nutzungskonflikte im Fokus.
Die Herausforderungen einer „vollen Welt“
Die zentrale Herausforderung unserer Zeit in der Stadtplanung ist der Mangel an verfügbaren Flächen. Wir leben in einer „vollen Welt“ – einer Situation, in der kaum noch Flächen existieren, die nicht bereits für einen berechtigten Zweck genutzt werden. Das führt dazu, dass sich Nutzungsansprüche zunehmend überlagern und Interessensgruppen in Konkurrenz um Flächen treten, z. B. gewerbliche vs. Wohnraum-Nutzung, Landwirtschaft vs. Industrie, Naturschutz vs. Infrastruktur. Hinzu kommen die Bedenken von Anwohner*innen gegenüber der Umnutzung siedlungsnaher Flächen, beispielsweise bezüglich Lärmschutz. Sowohl Klima- als auch Umweltschutz erfordern einen anderen Umgang bezüglich der Flächennutzung und -versiegelung. Die wachsende Herausforderung für die Politik ist also, verschiedene berechtigte Interessen gegeneinander abzuwägen und wenn möglich in Einklang zu bringen.
Reformbedarf im Planungsrecht
Einen zentralen Punkt in der Diskussion nahm das Planungsrecht ein, da dieses auf die Herausforderungen einer zunehmend vollen Welt nicht ausgelegt ist. Es wurde verfasst in der Annahme der großen Verfügbarkeit freier Fläche, wie sie zur Nachkriegszeit gegeben war. Es basiert auf einer räumlichen Trennung von Wohnen, Arbeiten und Erholung. Diese Ordnung ist mit der heutigen Realität, in der Raum ein rares Gut ist, kaum noch vereinbar. Werden Schutzrechte Einzelner über das berechtigte Maß erhöht, blockieren sie Innovation und beeinträchtigen das Gemeinwohl. Gleichzeitig wird durch die Herausforderungen des Klimawandels und die Dringlichkeit der Klimafolgenanpassung eine Neujustierung unserer Prioritäten mit Blick auf die Flächennutzung notwendig. Hieraus ergibt sich ein großer Reformbedarf für Gesetze und Planungsprozesse.
Wohnraummangel ist ein Verteilungsproblem
Dass die Raumplanung in Städten und Gemeinden in Deutschland heute so viel voller erscheint als in der Nachkriegszeit, liegt weniger am Bevölkerungswachstum als an veränderten Ansprüchen. Das gilt gerade bei Wohnraum: Wie viel Wohnfläche einem Menschen im Durchschnitt zur Verfügung steht, hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch erhöht. Eine wichtige Komponente des Wohnungsmangels, aus der man sich nicht einfach „herausbauen“ kann, ist die ungerechte und ineffiziente Verteilung des vorhandenen Raums. Ältere Menschen wohnen oft allein in großen Wohnungen, während junge Familien bezahlbaren Wohnraum suchen. Ein Wechsel in eine kleinere Wohnung ist oft teurer als das Verbleiben in einem alten Mietvertrag. Hier sind strukturelle Hürden anzugehen.
Weitere Potenziale der Flächennutzung werden verschenkt, da in Deutschland vergleichsweise wenig in die Höhe gebaut wird. Dies liegt nicht nur an baulichen Anforderungen wie Brandschutz, welche das Bauen in die Höhe für die Industrie teuer und somit unattraktiv machen. Beim Wohnungsbau sind es kulturelle Prägungen, die gerade in Westdeutschland zu Misstrauen und Ablehnung gegenüber Hochhausbauten führen.
Strategien für effizientere Flächennutzung
Um die Herausforderungen einer „vollen Welt“ zu meistern, wurden mehrere, parallel zueinander auszuführende, Strategien benannt. Um vorhandene Flächen bestmöglich zu nutzen, muss sich ein Kreislauf-Denken etablieren – nicht mehr gebrauchte bebaute Flächen müssen für neue Zwecke umgenutzt oder entsiegelt werden. Die Mehrzwecknutzung von Flächen muss, überall wo möglich, umgesetzt werden. Um diese Punkte in vollem Umfang zu ermöglichen, muss das Planungsrecht, insbesondere im Bezug auf Bebauungspläne, reformiert werden. Zudem müssen Stellschrauben im Mietrecht justiert werden, um Nutzung und Verteilung von vorhandenem Wohnraum effizienter zu gestalten.
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