Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz am 20. Juni 2026.
Der Zustand des Bildungssystems in Nordrhein-Westfalen und bundesweit ist seit Jahren von strukturellen Problemen geprägt, die sich zunehmend verschärfen. Schulen arbeiten vielerorts am Limit: Es fehlt an Lehrkräften, Schulsozialarbeiter*innen, Sonderpädagog*innen. Unterricht fällt regelmäßig aus oder wird fachfremd vertreten. Gleichzeitig lernen viele Schüler*innen in maroden Gebäuden mit sanierungsbedürftigen Klassenräumen, unzureichender digitaler Ausstattung und fehlenden Rückzugs- sowie Fördermöglichkeiten.
Besonders alarmierend ist, dass Bildungserfolg in Deutschland weiterhin massiv von den Eltern abhängt. Kinder aus einkommensarmen Familien, aus migrantischen Haushalten oder mit Unterstützungsbedarf haben deutlich schlechtere Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse und gesellschaftliche Teilhabe. Statt soziale Ungleichheiten auszugleichen, reproduziert das bestehende Schulsystem diese oft bereits ab der Grundschule. Die frühe Aufteilung auf unterschiedliche Schulformen verstärkt soziale Selektion und verhindert echte Chancengleichheit.
Hinzu kommen die Folgen jahrelanger Unterfinanzierung: Viele Schulen verfügen nicht über ausreichend Personal für Inklusion, psychologische Unterstützung oder individuelle Förderung. Gerade nach den Belastungen der Corona-Pandemie zeigen sich Lernrückstände, psychische Belastungen und soziale Probleme vieler junger Menschen besonders deutlich. Dennoch fehlt es weiterhin an nachhaltigen politischen Antworten und ausreichenden Investitionen.
Dabei sind gerade Investitionen in die frühkindliche Bildung von enormer Bedeutung, denn die qualitativ hochwertige, an der Entwicklung der Kinder orientierte frühkindliche Bildung ist entscheidend für den weiteren Bildungsverlauf von Kindern und das Vertrauen in Institutionen. Jeder Euro für die Kitas ist gut angelegt. Eine entscheidende Voraussetzung für Bildungsteilhabe ist Sprachkompetenz. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kinder im Vorschulalter durch Beziehung, Alltag und Spiel lernen und alltagsintegrierte Sprachförderung das Mittel der Wahl ist. Alltagsintegrierte Sprachförderung findet ab dem ersten Tag in der Kita statt – und nicht erst im letzten Jahr vor der Einschulung. Entscheidend für den Lernerfolg sind dabei die Rahmenbedingungen, wie stabile Beziehungen zu Bezugspersonen, inklusive Konzepte und die räumliche Situation. Wir müssen alles dafür tun, über die frühkindliche Bildung Benachteiligungen möglichst früh zu begegnen und auszugleichen. Der beste Ort dafür ist die Kita als Bildungsort. Hier werden neben sprachlichen auch sozial-emotionale und motorische Kompetenzen vermittelt und damit die Grundlagen für den weiteren Bildungs- und Lebensweg gelegt. Wir wollen daher alles dafür tun, dass alle Kinder die Möglichkeit haben, mehrjährig eine Kita zu besuchen.
Auch die Digitalisierung wurde vielerorts verschlafen. Noch immer mangelt es an funktionierender technischer Infrastruktur, zeitgemäßen Lernkonzepten und entsprechender Fortbildung für Lehrkräfte. Gleichzeitig werden Schulen zunehmend mit gesellschaftlichen Herausforderungen wie wachsender Armut, Demokratiefeindlichkeit, Rassismus, Antifeminismus und den Folgen der Klimakrise konfrontiert, ohne dafür ausreichend ausgestattet zu sein.
Ein Bildungssystem, das vom Engagement Einzelner abhängt, statt allen Kindern unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Wohnort die gleichen Chancen zu garantieren, wird seinem gesellschaftlichen Auftrag nicht gerecht. Deshalb braucht es eine grundlegende Neuausrichtung hin zu einem solidarischen, inklusiven und zukunftsfähigen Bildungssystem, das Förderung statt Auslese in den Mittelpunkt stellt.
Die LDK möge beschließen:
Wir als BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN NRW setzen uns gemeinsam für eine umfassende Transformation des Bildungssystems ein, die soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und individuelle Förderung ins Zentrum stellt. Bildung ist ein Grundrecht, kein Privileg. Wir nehmen es nicht hin, dass der Bildungserfolg in Nordrhein-Westfalen weiterhin stark von Vermögen, Einkommen und Wohnort abhängt und setzen hier an.
- Schule gerechter gestalten
- Längeres gemeinsames Lernen an allen Schulformen ermöglichen, indem alle Schulformen zu einem ersten Abschluss führen
- Vertiefung der qualifizierten Bewertung durch die Fachkräfte in der Primarstufe und Einführung weiterer alternativer Bewertungsformen in allen Schulformen
- Konsequente Umsetzung von Inklusion mit ausreichender personeller und finanzieller Ausstattung durch Etablierung von MPT-Kräften an allen Schulen in NRW
- Kostenfreie analoge und digitale Lernmittel und Infrastruktur für alle Schüler*innen durch das Land NRW
- First und Second Level Support an allen Schulen durch das Land NRW; z.B. durch Schulverwaltungsangestellte (SVTA)
- Systematischer Abbau struktureller Hürden ins frühe Bildungssystem, damit für alle Kinder der Rechtsanspruch auf frühe Bildung und einen mehrjährigen Besuch in Kindertageseinrichtungen und herkunftsunabhängiger Bildungserfolg sichergestellt werden kann. Ausreichend Kita-Plätze und mehr Personal, u.a. für alltagsintegrierte Sprachförderung in den Kindertageseinrichtungen und Schulen, sind dafür zentral.
- Eine gute Ausstattung eines frühen Bildungssystems, das die psychische Gesundheit und Entwicklung von Kindern in den Vordergrund stellt, emotionalen Stress und Lernblockaden verhindern soll und Schulen entlastet. Ziel muss ein inklusives Bildungssystem ohne segregierende Maßnahmen sein, das alle Kinder von Anfang an gemeinsam fördert und ihnen einen guten Start in ihre Bildungslaufbahn ermöglicht.
- Soziale Ungleichheiten abbauen
- Einführung eines Bildungsfonds für Schulen mit einem Schulsozialindex, der die Stufe fünf überschreitet
- Kostenlose Verpflegung in Schulen (Frühstück und Mittagessen)
- Ausbau von Schulsozialarbeit und Sicherstellung von mindestens 2 Schulsozialarbeiter*innen an allen Schulen
- Vereinfachte Beantragung von BuT-Mitteln durch Fachkräfte an Schulen im Namen der Erziehungsberechtigten
- Demokratiebildung und Mitbestimmung
- Ausbau politischer Bildung und Förderung der Demokratiebildung
- Bildung nachhaltig denken
- Verankerung von Bildung für ökologische, antirassistische sowie Queere Bildung und Aufklärung in den Lehrplänen
- Klimagerechte Sanierung von Schulgebäuden
- Förderung von Projekten zu Umwelt- und Klimaschutz an Schulen
- Autonomie der Schulen stärken – Rolle der Schulaufsicht neu bestimmenMit der im Programm „Schulkompass 2030″ festgelegten datengestützten Schulentwicklung erhalten Schulen zukunftsweisende Instrumente zur Weiterentwicklung ihrer Konzepte unter den je individuellen Rahmenbedingungen. Die von den Schulen erbrachten Leistungen wie auch die Entwicklungsbedarfe können dadurch perspektivisch klarer fokussiert werden. Dieses Potential muss flankiert werden durch eine deutlich erhöhte Autonomie der Schulen in Fragen der pädagogisch-didaktischen Konzepte, der Personalbewirtschaftung etc. Je klarer die zu erreichenden Standards formuliert sind, desto mehr Freiheit muss den Schulen bei der Frage gewährt werden, WIE diese Standards erreicht werden. Damit ändert sich auch die Rolle der Schulaufsicht fundamental: Die passgenaue Unterstützung und Begleitung der Schulen ersetzt die Kontrolle der Einhaltung von Vorgaben.
- Starke Schulleitung als Voraussetzung für gute und bildungsgerechte SchuleDie Rolle von Schulleitung im Hinblick auf Qualitätsentwicklung von Schule ist unbestritten. Um dieser Rolle gerecht zu werden, müssen Schulleiter*innen bzw. Schulleitungsteams konsequent gestärkt werden.Hierzu gehören insbesondere eine deutlich erhöhte Leitungszeit verbunden mit mehr Autonomie in Fragen der Unterrichts- und Personalentwicklung sowie der Stellenbewirtschaftung. Darüber hinaus sind eine kontinuierliche Begleitung und Unterstützung, beispielsweise durch Coaching oder Supervision, erforderlich.
Ein gerechtes Bildungssystem ist die Grundlage für eine demokratische, solidarische und zukunftsfähige Gesellschaft. Derzeit reproduziert das Bildungssystem in NRW soziale Ungleichheiten, statt sie abzubauen. Kinder aus einkommensschwachen Familien haben deutlich geringere Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse. Gleichzeitig stehen Schulen vor großen Herausforderungen durch Personalmangel, marode Infrastruktur und unzureichende Digitalisierung.
Als BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN NRW fordern wir eine mutige Neuausrichtung der Bildungspolitik: weg von Selektion und Leistungsdruck, hin zu individueller Förderung, echter Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Bildung muss empowern, nicht aussortieren.
Nur mit einem inklusiven und gut ausgestatteten Bildungssystem können wir allen jungen Menschen in NRW die gleichen Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.
Für eine Bildungspolitik, die niemanden zurücklässt.
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