LPR-Beschluss

Care-Arbeit sichtbar machen – Unterstützung für pflegende Eltern und Alleinerziehende in NRW

Beschluss des Landesparteirats am 22. März 2026.

Pflege findet in Deutschland überwiegend zu Hause statt. Bundesweit werden rund 86 Prozent der pflegebedürftigen Menschen zu Hause versorgt, ein Großteil davon ausschließlich durch Angehörige, vornehmlich Familienmitglieder, aber auch Freund*innen, Nachbar*innen oder Personen aus dem sozialen Umfeld. Auch in Nordrhein-Westfalen tragen damit Familien die Hauptverantwortung für Pflege. Die Herausforderungen werden wachsen: Laut einer aktuellen Modellrechnung des Statistischen Landesamts wird bis zum Jahr 2050 jede 10. Person pflegebedürftig sein.

Diese Sorgearbeit bleibt jedoch vielfach unsichtbar. Im politischen Diskurs zu Pflegethemen stehen meistens professionelle Pflegeeinrichtungen oder der Fachkräftemangel in der Pflege im Vordergrund. Für uns GRÜNE NRW ist klar: Die Lebensrealität vieler Familien ist deutlich komplexer! Pflege wird tagtäglich im Alltag zwischen Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und weiteren Verpflichtungen organisiert. Zugleich wächst die Zahl der Menschen, die Pflege, Beruf und familiäre Verantwortung miteinander vereinbaren müssen.

Besonders hoch ist die Belastung dort, wo mehrere Sorgeaufgaben zusammenkommen. Eltern, die zusätzlich Angehörige pflegen, sowie Alleinerziehende mit Pflegeverantwortung tragen eine doppelte oder sogar dreifache Verantwortung: für Kinder, für pflegebedürftige Angehörige und für die eigene Erwerbsarbeit. Diese Mehrfachbelastung führt häufig zu finanziellen Risiken, gesundheitlicher Überlastung und eingeschränkter gesellschaftlicher Teilhabe.

Eine besondere Form dieser Care-Verantwortung tragen Eltern von Kindern mit Behinderung oder chronischer Erkrankung. Für viele dieser Familien ist Pflege kein vorübergehender Lebensabschnitt, sondern über Jahre hinweg dauerhafte Realität. Pflege, Therapiekoordination, Arzttermine und Unterstützung im Alltag prägen das tägliche Leben. Gleichzeitig müssen Eltern Erwerbsarbeit, Geschwisterkinder und hohe organisatorische Anforderungen miteinander vereinbaren.

Untersuchungen des Bundesfamilienministeriums im Zweiten Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen zeigen, dass Eltern von Kindern mit Behinderung ihre Erwerbstätigkeit deutlich häufiger reduzieren oder ganz aufgeben müssen, um die notwendige Betreuung und Pflege sicherzustellen. Für viele Familien führt diese Situation zu langfristigen finanziellen Belastungen und erhöht zugleich das Risiko von Altersarmut.

Auch Kinder und Jugendliche übernehmen in vielen Familien Pflegeaufgaben. Forschungsergebnisse der Universität Witten/Herdecke zeigen, dass in Deutschland mehrere hunderttausend sogenannte „Young Carers“ leben – Kinder und Jugendliche, die regelmäßig Angehörige unterstützen oder pflegen. Diese Verantwortung bleibt vielfach unsichtbar und wird im Bildungssystem bislang nur selten systematisch berücksichtigt.

Trotz dieser Realität werden Pflegepolitik, Familienpolitik und Arbeitsmarktpolitik noch immer zu oft getrennt voneinander gedacht. Familienpolitik konzentriert sich vor allem auf Kinderbetreuung, Pflegepolitik auf professionelle Versorgungsstrukturen. Pflegende Familien, die mehrere Sorgeaufgaben gleichzeitig tragen, geraten dadurch allzu oft zwischen die Systeme.

Es gibt bereits viele Angebote: Pflegebüros vor Ort beraten Angehörige, mit dem „Pflegewegweiser NRW“ fördert das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) ein breit angelegtes Info-Portal zur Pflege, und Nordrhein- Westfalen hat mit der Nutzung des Entlastungsbetrags für Nachbarschaftshilfe eine unbürokratische Lösung geschaffen. Auch das Landesprogramm zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zeigt Wirkung. Dennoch sind viele Betroffene mit der Komplexität der Herausforderungen überfordert. GRÜNE setzen sich für quartiersbezogene und sektorübergreifende Konzepte ein, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Insbesondere niedrigschwellige Beratungsstrukturen und das Erreichen der Betroffenen und der vulnerabler Gruppen sind hier von hoher Bedeutung. Mehrsprachige, niedrigschwellige und aufsuchende Angebote sowie Lotsendienste könnten die Unterstützung verbessern. Für berufstätige pflegende Angehörige wären mehr digitale Angebote wünschenswert, die rund um die Uhr nutzbar sind. Zudem sollte die Selbsthilfe von pflegenden Angehörigen stärker eingebunden werden.

Für uns GRÜNE in NRW ist klar: Wir nehmen Gleichstellung ernst. Care-Arbeit muss sichtbar, anerkannt und wirksam entlastet werden. Pflege darf nicht zur privaten Überforderung werden und nicht in Altersarmut münden. Wer Verantwortung für andere übernimmt, stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb schaffen wir politische Rahmenbedingungen, die Überlastung verhindern und echte Teilhabe ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund setzen wir GRÜNE NRW uns dafür ein, pflegende Familien endlich stärker in den Blick zu nehmen und ihre Lebensrealität in der Landespolitik konsequent zu berücksichtigen. Dafür treten wir insbesondere für folgende Maßnahmen ein:

1. Pflegende Familien sichtbar machen

Die Landesregierung soll die Lebenssituation von Familien mit Pflegeverantwortung besser erfassen und in der Familien- und Pflegepolitik systematisch berücksichtigen.

Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass die Landesregierung eine Studie in Auftrag gibt, um die Situation von pflegenden Eltern, Alleinerziehenden mit Pflegeverantwortung sowie von Kindern und Jugendlichen, die als Young Carers regelmäßig Pflegeaufgaben übernehmen, umfassend zu analysieren.

2. Niedrigschwellige Entlastung im Alltag ausbauen

Viele pflegende Familien brauchen vor allem praktische Unterstützung im Alltag. Auch wenn zentrale Leistungen der Pflegeversicherung auf Bundesebene geregelt sind, kann Nordrhein-Westfalen dazu beitragen, dass Entlastung im Alltag tatsächlich bei den Familien ankommt. Das Land soll daher Angebote der Alltagsbegleitung, haushaltsnahen Unterstützung und Nachbarschaftshilfe stärken und Kommunen sowie Träger beim Aufbau und bei der Weiterentwicklung solcher niedrigschwelligen Unterstützungsangebote gezielt fördern. Besonders wichtig sind dabei mehrsprachige, aufsuchende und digitale Angebote, die rund um die Uhr nutzbar sind.

3. Kommunale Pflegeberatung stärken und Lotsendienste ausbauen

Familien mit Pflegeverantwortung müssen sich heute durch ein komplexes Geflecht unterschiedlicher Leistungen und Zuständigkeiten arbeiten. Nordrhein-Westfalen verfügt bereits über verschiedene Informations- und Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige, darunter Pflegebüros vor Ort und ein Info-Portal, gefördert durch das MAGS. Allerdings ist die Qualität der Beratung im kommunalen Vergleich sehr unterschiedlich. Wir setzen uns deshalb für eine stärkere kommunale Koordination von Unterstützungsangeboten ein, damit Familien Beratung, Entlastung und konkrete Hilfen leichter finden und in Anspruch nehmen können. Lotsendienste und die Einbindung der Selbsthilfe von pflegenden Angehörigen können hier wichtige Brücken bauen.

4. Pflege und Erwerbsarbeit besser vereinbar machen

Nordrhein-Westfalen soll bestehende Programme zur Förderung pflegefreundlicher Arbeitsmodelle weiterentwickeln und stärken. Ziel ist es, Unternehmen dabei zu unterstützen, Pflege und Erwerbsarbeit besser miteinander vereinbar zu machen. Der öffentliche Dienst des Landes soll dabei eine Vorbildfunktion übernehmen und gute Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Pflege, Familie und Beruf schaffen.

5. Alleinerziehende mit Pflegeverantwortung gezielt unterstützen

Alleinerziehende mit Pflegeaufgaben tragen eine besonders hohe Verantwortung und sind häufig besonderen Belastungen ausgesetzt. Sie sollen deshalb bei der Vergabe von Kinderbetreuungsplätzen sowie beim Zugang zu Unterstützungs- und Entlastungsangeboten stärker berücksichtigt werden.

6. Wohnen pflegegerecht und bezahlbar gestalten

Pflege findet, wie eingangs erwähnt, überwiegend zu Hause statt. Damit wird die Wohnsituation zu einer zentralen Voraussetzung für eine verlässliche Versorgung. Für viele pflegende Familien fehlt es jedoch an bezahlbarem, ausreichend großem und barrierefreiem Wohnraum. Da die Demographie zeigt, dass in Zukunft ein noch größerer Teil unserer Bevölkerung auf Pflege angewiesen sein wird, müssen wir hier handeln Wir GRÜNE in NRW setzen uns deshalb dafür ein, Wohnen und Pflege stärker zusammenzudenken. Der Ausbau barrierefreien Wohnraums muss vorangetrieben und Maßnahmen zur Wohnraumanpassung unbürokratischer und besser gefördert werden.

Care-Arbeit ist ein zentraler Bestandteil unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts und verdient mehr politische Aufmerksamkeit. Wir GRÜNE in NRW wollen hier eine Vorreiterrolle übernehmen und pflegende Familien stärker in den Mittelpunkt von Familien-, Pflege- und Arbeitsmarktpolitik stellen. Unser Ziel ist es, Rahmenbedingungen in NRW zu schaffen, die pflegende Familien stärken, Überlastung vermeiden und gesellschaftliche Teilhabe sichern.

 

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