LDK-Beschluss

NRW-Ernährungspolitik 2030: Nachhaltig, sicher, gerecht!

Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz am 21. Juni 2026.

Ernährung als Säule der Lebensqualität

Tag für Tag vielfältige, gesunde und nachhaltig produzierte Lebensmittel auf dem Teller zu haben, ist viel weniger eine Selbstverständlichkeit, als wir alle immer dachten. Wir hatten uns über Jahrzehnte an eine vermeintliche ständige Verfügbarkeit zu günstigen Preisen gewöhnt. Doch diese Preise sind trügerisch. Sie basieren bislang auf dem massiven Einsatz fossiler Energie, billiger Arbeitsplätze und belasten Natur, Umwelt und Tiere viel zu häufig. Viel zu oft werden unsere Lebensmittel auf dem Rücken der Bäuer*innen und ihren Mitarbeiter*innen erwirtschaftet, die bis an ihre Belastungsgrenzen – und häufig auch darüber hinaus – gehen.

Unser Ziel ist eine Herstellung von Lebensmitteln, die in jeder Hinsicht nachhaltig insbesondere umwelt- und ressourcenschonend und zukunftssicher ist.

Dafür müssen Lebensmittel vielfältig, gesund und für alle Menschen zugänglich sein, unabhängig von deren Alter oder sozialer Lage. Wir wollen eine Wertschöpfung für Lebensmittel, die vom Hof über die Verarbeitung bis in die Ladenregale und die Mensen fair wirtschaftet und unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützt.

Unsere Ernährung ist ein entscheidender Schlüssel für ein gesundes Leben, eine falsche Ernährung verursacht vielfach Krankheiten wie Adipositas oder Diabetes. Ungefähr ein Zehntel der gesamten Ausgaben für unser Gesundheitssystem wird durch eine falsche Ernährung verursacht. Deshalb wollen wir für jeden gesundes Essen von der Kita- und Schul- bis zur Senior*innenverpflegung ermöglichen, damit jeder, der es will, sich gut und gesund ernähren kann. Dabei sollen auch immer vegane Alternativen angeboten werden, damit sich jede Person, unabhängig von der Ernährungsweise bewusst ernähren kann.

Immer mehr Menschen ernähren sich vegetarisch oder vegan, weil sie sich insbesondere für Tier- und Klimaschutz engagieren und/oder sich besonders gesundheitsbewusst ernähren wollen. Eine landwirtschaftliche Produktion kann nur Zukunft haben, wenn sie tiergerecht und flächengebunden ist. Eine pflanzenbasierte Ernährung stellt einen weitreichenden Beitrag zum Klimaschutz dar.

Wir setzen uns für eine wirksame Zuckerreduktion in industriell gefertigten Lebensmitteln und Getränken ein. Deutschland konsumiert mehr Zucker als seine europäischen Nachbarn – mit messbaren Folgen: steigende Adipositasraten bei Kindern und Jugendlichen, mehr Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Folgekosten tragen nicht die Hersteller hochgezuckerter Produkte, sondern die solidarische Gemeinschaft der GKV-Beitragszahlenden. Das ist eine Schieflage, die wir korrigieren wollen. Wir unterstützen daher die Einführung einer gestaffelten Herstellerabgabe auf zuckergesüßte Getränke, die dem Gesundheitssystem zugutekommt und so die GKV entlastet.

Resilienz in der Krise als neue Herausforderung

Der Klimawandel, geopolitische Abhängigkeiten, Kriege und wachsende soziale Ungleichheit stellen uns vor zunehmende Probleme. Die aktuelle Energiekrise trifft die Landwirtschaft hart, da die intensive Bewirtschaftung seit Jahrzehnten von fossilen Brennstoffen und den daraus gewonnenen Düngemitteln abhängig ist. Rund 50 Prozent unserer mineralischen Stickstoffdünger stammen aus Russland und der Golfregion. Diese Abhängigkeit von geopolitisch umkämpften Regionen, von Diktatoren und fossilen Rohstoffen macht unsere Lebensmittelversorgung krisenanfällig und unterminiert zugleich unsere politische Handlungsfähigkeit.

Der ökologische Landbau zeigt, wie ein Weg aus der Abhängigkeit gelingen kann: Statt auf erdgasbasierten Mineraldünger wird hier auf Kreislaufwirtschaft mit tierischen Düngemitteln und Kompost gesetzt. Weiterhin sorgen Leguminosen wie Kleegras, Erbsen oder Ackerbohnen in der Fruchtfolge für nährstoffreiche Böden. Dieses Potenzial werden wir zukünftig auch im konventionellen Anbau viel stärker ausschöpfen müssen, um unsere Abhängigkeit vom fossilen Düngemittelmarkt zu minimieren. Dies stärkt die Krisenresilienz und leistet gleichzeitig einen Beitrag zur Artenvielfalt und zur Klimaanpassung der Agrarproduktion.

In den vergangenen Jahren haben wir mehrfach erleben müssen, wie die Konzentration von Marktmacht entlang von Lieferketten für Lebensmittel zur Abhängigkeit von einzelnen Konzernen geführt hat, die weder eine resiliente Versorgung für Konsument*innen noch eine verlässliche, ausreichende Entlohnung der Arbeit in der Landwirtschaft gewährleisten. Wir brauchen ein dichtes Netz aus landwirtschaftlichen Betrieben und vielen kleinen und mittleren Verarbeitungsstrukturen, um auch in einer Krisensituation eine verlässliche Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte und eine Versorgungssicherheit zu garantieren. Ein engmaschiges Versorgungsnetzwerk statt weniger riesiger Verarbeitungs- und Distributionszentren ist resilienter gegenüber Krisen und kann zugleich helfen, dauerhaft faire Preise für die Landwirtschaft in NRW zu gewährleisten. Das bestätigt auch die Monopolkommission und sie fordert die Politik zum Handeln auf. Das Bundeskartellamt muss endlich vom zahnlosen Tiger zur handlungsfähigen Kontrollbehörde werden, die dem Machtgefälle am Lebensmittelmarkt aktiv entgegenwirkt.

Wir beenden die Ernährungsarmut

Steigende Preise für Lebensmittel sind längst ein soziales Problem. Ernährungsarmut ist in Deutschland eine unsichtbare, aber verbreitete Form von Armut und zeigt sich etwa dann, wenn Kinder ohne Frühstück zur Schule kommen. Kinder aus finanziell schwachen Familien spüren so schon in jungen Jahren die Folgen von Armut und erhalten nicht die Chance, mit Energie dem Geschehen in der Schule zu folgen. Zudem wird bereits in jungen Jahren das Gefühl für ein gesundes Essverhalten und gesunde Routinen erlernt. Wer aber ernährungsmäßig in seiner Kindheit falsch startet, hat es später oftmals wesentlich schwerer, sich ausgewogen und gesund zu ernähren. Öffentliche Kantinen und Mensen, insbesondere auch in Kitas, sind neben einer Frühstücksgarantie dabei der Schlüssel. Sie können gesunde und leckere Mahlzeiten für alle anbieten und gleichzeitig als verlässliche Abnehmer für kleine, regionale Betriebe und die ökologische Landwirtschaft fungieren. Die Gemeinschaftsverpflegung ist ein Gamechanger für gesunde Ernährung und sollte gefördert und an die Bedürfnisse der Menschen angepasst werden.

Kita- und Schulessen sollte sich an den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) orientieren, damit Kinder und Jugendliche wirklich gesunde Mahlzeiten in ihren Einrichtungen bekommen. Darüber hinaus ist es notwendig die praktische Ernährungsbildung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu fördern und ihnen so eine selbstbestimmte gesunde Ernährung zu ermöglichen. Die Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung sowie Seniorenernährung der Verbraucherzentrale NRW müssen daher erhalten und gestärkt werden. Hier können Schulbauernhöfe, der „Lernort Bauernhof“ sowie Schulküchen und andere Einrichtungen eine wichtige unterstützende Funktion übernehmen.

Gutes Mittagessen darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen, deshalb fordern wir ein bezahlbares und gesundes Mittagessen in Kitas und Schulen. Ernährungsarmut trifft jedoch alle Lebenslagen und insbesondere bei Senior*innen bedarf es einer erhöhten Aufmerksamkeit. Eine gute Verpflegung in Altersheimen und auch „Essen auf Rädern“ kann viel dazu beitragen, dass die Lebenszufriedenheit im Alter steigt, selbstbestimmtes Leben länger ermöglicht wird und gleichzeitig die Kosten für Pflege und Gesundheit gesenkt werden.

Chancenraum Land

Die unternehmerische Vielfalt und Kraft der bäuerlichen Betriebe helfen uns nicht nur bei der Energiewende, sondern auch bei der Sicherung unserer zukünftigen Ernährung und bei der Schonung von Umwelt, Natur und unserer Wasserreserven. Wenn wir die Felder und das Grünland standortgerecht bewirtschaften, schaffen wir es, unser Grundwasser sauber sowie verfügbar zu halten und gleichzeitig die bedrohte Biodiversität wirksam zu schützen. Denn Biodiversität und funktionierende Ökosysteme bilden die essenzielle Grundlage der Wirtschaft in NRW. Damit bewirtschaften unsere Bäuer*innen wichtige öffentliche Güter unseres Landes. Sie sind selbst unmittelbar auf diese öffentlichen Güter wie z. B. Wasserreserven angewiesen und haben großen Einfluss nicht nur auf die Verfügbarkeit, sondern auch auf die Sauberkeit unseres gemeinsamen Wasserschatzes. Die Landwirtschaft kann mit einer angepassten Produktionsweise von einem derzeitigen Belastungsfaktor zu einem entscheidenden Teil der Lösung werden. Die monetäre Unterstützung des Biolandbaus und nachhaltiger Produktionsweisen durch die neue Gemeinsame Agrarpolitik der EU ist notwendig, um den Erhalt unseres wertvollen Naturkapitals gezielt zu fördern.

Der ländliche Raum versorgt uns mit Lebensmitteln, Energie, Wasser und ist gleichzeitig Wirtschaftsstandort. Viele Leistungen im ländlichen Raum werden ehrenamtlich getragen und durch die zweite Säule der gemeinsamen Agrarpolitik unterstützt. Wir GRÜNE machen uns für den ländlichen Raum stark und fordern gute Programme (z.B. das LEADER-Programm) für den ländlichen Raum zu erhalten und fortzuentwickeln.

Die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten zum Beispiel zu deutlich mehr plant-based Food geht zügig voran. Ernährung ist im steten Wandel und der Übergang zu mehr pflanzenbasierter Ernährung eröffnet auch neue Chancen im ländlichen Raum. Darauf muss Politik reagieren und die Landwirtschaft und das Lebensmittelhandwerk darin unterstützen, neue Marktchancen zu nutzen.

Weltmarkt und faire Rahmenbedingungen

Bisher bilden die Weltmarktpreise die ökologischen Kosten in keiner Weise ab. Ohne gezielte Unterstützung können unsere Landwirt*innen daher im globalen Wettbewerb kaum bestehen, wenn sie gleichzeitig unseren hohen Umweltstandards einhalten sollen. Angesichts von Freihandelsabkommen wie Mercosur ist die Förderung einer nachhaltig wirtschaftenden Landwirtschaft, die neben Lebensmitteln auch öffentliche Güter wie pestizidfreie Flächen und einen Lebensraum für biologische Vielfalt darstellt, unerlässlich. Dabei setzen wir in Zukunft nicht mehr auf ein „Schwarz und Weiß“ – also konventionell oder ökologisch -, sondern wollen ähnlich wie in der Tierhaltung auch im Ackerbau und in der Grünlandbewirtschaftung ein stufiges System entwickeln, aus dem jeder Betrieb das für sich passende Modell wählen kann. Wir setzen auf eine Mehrgewinnstrategie, die den Erhalt vieler bäuerlicher Betriebe mit dem Natur- und Ressourcenschutz vereint. Auch über finanzielle Ausgleichsmechanismen, die ein Umweltdumping bei Agrarimporten verhindern – ähnlich dem CBAM – müssen wir in der landwirtschaftlichen Produktion nachdenken.

Unser Fahrplan für NRW

Um den Wandel hin zu einem krisenresilienten und gerechten Ernährungssystem zu vollziehen, setzen wir uns für die Umsetzung folgender Aspekte ein:

  • Eine vielfältige Landwirtschaft und ein starkes regionales Lebensmittelhandwerk sind die besten Garanten für eine Ernährungssicherheit in Krisenzeiten. Eine Lebensmittelversorgung zum billigsten Preis bedeutet oftmals anfällige Produktionsketten sowie eine Erzeugung auf Kosten von Natur und Umwelt. Wir wollen deshalb eine nachhaltig, möglichst ökologisch wirtschaftende Landwirtschaft sowie regionale Verarbeitungsstrukturen in Nordrhein-Westfalen erhalten und unterstützen.
  • Ein besonderes Augenmerk legen wir auf junge Existenzgründer*innen in der Landwirtschaft und dem Lebensmittelhandwerk. Hier gibt es viele motivierte, kluge Köpfe, die darauf warten, ihre Ideen umsetzen zu können. Aktuell scheitert deren Umsetzung zu oft daran, dass es keine ausreichende Anschubförderung („Existenzgründungsprämie“) gibt und dass es vielfach an einer verlässlichen Abnahmeperspektive der erzeugten Produkte fehlt. Beides wollen wir ändern.
  • Die öffentliche Verpflegung ist ein entscheidender Hebel einer modernen Ernährungspolitik. Kantinen in der Verwaltung, Kitas, Schulen, Krankenhäusern und Senior*inneneinrichtungen versorgen zunehmend die Menschen in NRW. Was bei ihnen auf die Teller kommt, ist daher entscheidend für die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Kund*innen. Gleichzeitig bestimmen sie mit ihrem Einkauf, wie die Landwirtschaft produziert. Wir wollen, dass die Kantinen öffentlicher Einrichtungen in Zukunft Mitverantwortung für ein resilientes und nachhaltiges Ernährungssystem übernehmen und u.a. einen festen Mindestanteil an regionalen und Bio-Produkten zu fairen Preisen einkaufen und in ihren Küchen verarbeiten.
  • Wir setzen uns dafür ein, dass die Konstruktionsfehler bei der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel endlich behoben werden: Die Mehrwertsteuer auf gesunde, nachhaltig erzeugte Grundnahrungsmittel soll auf 0 Prozent reduziert werden.
  • Verbraucher*innen verdienen Transparenz und Standards: Wir unterstützen deshalb das BMLEH-AHV Logo, damit der Anteil regionaler und ökologischer Produkte in der Gastronomie zunimmt. Kantinenmahlzeiten sollen sich an den Standards der DGE orientieren.
  • Das Wissen für eine breit angelegte Ernährungswende ist bereits vorhanden, wir müssen es nur noch nutzen und in die Tiefe des Ernährungssystems bringen: Wir fördern die Unterstützung bei der Planung vegetarischer und veganer Menüs durch Expert*innen, etwa nach dem Vorbild der „Kantine Zukunft Berlin“.
  • Als Teil der Ernährungsbildung und Beitrag zur Wertschätzung streben wir Kampagnen gegen Lebensmittelverschwendung sowie Kochkurse in Schulen an, um die Wertschätzung für Lebensmittel von klein auf zu fördern. Außerdem setzen wir uns für Transparenz über die Herstellung und Herkunft tierischer Lebensmittel und eine Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung ein.
  • Eine ambitionierte Ernährungspolitik tut allen gut: Wir verankern gesunde Ernährung für alle als den zentralen Baustein präventiver Gesundheitspolitik, um Folgekosten im Gesundheitssystem zu senken und die Lebensqualität in einer alternden Gesellschaft zu sichern.
  • Wir schaffen Bildungsangebote für Kitas, Schulen und in der außerschulischen Kinder- und Jugendbildung auf den Bauernhöfen, um den jungen Menschen einen Zugang zur Landwirtschaft zu geben und ein realistisches Bild zu zeichnen. Dazu arbeiten wir mit dem Netzwerk Bauernhofpädagogik, wie z.B. dem Verein Acker e.V., den Ernährungsräten u.a. zusammen und unterstützen deren Arbeit.
  • Wir fordern, die Gelder der zweiten Säule der europäischen Agrarpolitik für die ländliche Entwicklung zu erhalten, um das Leben auf dem Land in seiner Vielfalt und Lebendigkeit zu unterstützen.
  • Ernährung ist ein Querschnittsthema. Um Ernährung in den Querschnittsbereichen steuern und fördern zu können, muss die Koordination in der Verantwortung eines Ministeriums gebündelt werden. Mit der Zusammenfassung der Aufgaben für Ernährung in einem Ministerium lassen sich die notwendigen Veränderungen effizienter handhaben.
  • Ernährung ist Kultur. Lebensmittel brauchen Wertschätzung. Und damit hat Ernährung Einfluss auf die Lebensweise der Menschen in NRW. Ernährung kann gesund halten, sie kann krank machen und sie kann heilen. Durch die Umsetzung dieser Punkte gewinnt Ernährung in Nordrhein-Westfalen an Wertschätzung und Akzeptanz.

Neuste Artikel

Zeybek und Wenzel zur HKM-Übernahme

LaVo-Beschluss

Hitzeschutz ist Bevölkerungsschutz – Mehr Abkühlung für Nordrhein-Westfalen

LDK-Beschluss

Menschenwürde und Freiheitsrechte in der Neufassung des PsychKG erhalten

Ähnliche Artikel